Zwei Wochen Urlaub mit nur einer Brennweite

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Natur

Ganz schön prall gefüllt kann er manchmal sein, mein Fotorucksack. Und ich spreche jetzt erst einmal nur von den Objektiven, die sich um einen Platz darin streiten. Von Stativen, Blitzen, Leuchten, Reflektoren, Fernauslösern, Filtern, Zwischenringen, Vorsatzlinsen und so manchem mehr ist hier noch gar nicht die Rede.

Aber bleiben wir ruhig erst einmal bei den Objektiven: Für meine Hauptkamera, eine in die Jahre gekommene, aber nach wie vor allen Anforderungen genügende Olympus, besitze ich drei ausgezeichnete Zooms. Zusammen mit meinem 1.4-fach Telekonverter decken sie den KB-äquivalenten Brennweitenbereich von 14 bis 420 mm lückenlos ab. Speziell für die Tierfotografie steht mir darüber hinaus eine exzellente Festbrennweite (600 mm bzw. 840 mm mit Konverter) zur Verfügung. Hinzu kommt zu guter Letzt noch mein 120er-Makro. Mal ganz ehrlich: Viele Wünsche bleiben da nicht offen.

So umfangreich ausgestattet, müsste ich ja schon ziemlich verrückt sein, das alles zu Hause zu lassen und stattdessen mit nichts weiter als nur einem einzigen Objektiv auf Reisen zu gehen. Noch dazu, wenn es sich dabei nur um eine 28 mm Festbrennweite handelt. Da bietet ja selbst das billigste Smartphone mehr Flexibilität!

Andererseits könnte es angesichts meines Geburtsjahrgangs vielleicht nicht schaden, die Rolle des kauzigen Alten schon einmal vorsorglich einzuüben. Die meisten werden ja erst dann so richtig schrullig, wenn sie es selbst gar nicht mehr merken. Da entgeht einem doch der ganze Spaß. Sollte ich also vielleicht trotz allem…?

Um es kurz zu machen: In den ersten beiden Septemberwochen war ich mit meinem kleinen Wohnanhänger in der niederländischen Provinz Drenthe auf Fototour. Genauer gesagt parkte mein mobiles Ferienquartier auf einem sehr angenehmen Campingplatz, während ich wandernd, radelnd und mit dem E-Auto Ausflüge unternahm. Drenthe ist weniger dicht besiedelt als der Rest der Niederlande. Hier gibt es erstaunlich viel Wald, der noch dazu mit einem auffallend hohen Totholzanteil aufwarten kann. Kaum weniger charakteristisch sind die schier endlosen Heideflächen. Gerade jetzt zur Blütezeit des Heidekrauts verführt die wie verzaubert wirkende Landschaft zu langen Wanderungen.

Für diese beiden Fotowochen hatte ich tatsächlich nichts als meine kleine Ricoh GR 4 eingepackt. Mit anderen Worten: Ich musste jetzt einen ganzen Urlaub lang mit dieser einen an der Ricoh verbauten Festbrennweite von 28 mm (KB-äquivalent) auskommen. Ob ich diese selbst gewählte Beschränkung wohl schon bald verfluchen würde? Oder doch eher die Wahl meines Ziels? Schließlich gelten die Niederlande nicht gerade als Traumland der Naturfotografie. Ich würde es herausfinden.

Bleiben wir erst einmal bei der Kamera. Die Ricoh bringt zwar einige Einschränkungen mit sich, ist dafür aber extrem klein. Sie passt völlig mühelos in meine Hosentasche. Dennoch fühlt sich jede Aufnahme mit ihr wie richtiges Fotografieren an; etwas, das ich liebe und das mir ein Handy einfach nicht bieten kann. Genau deshalb habe ich sie mir als meine „Immer-dabei-Kamera“ zugelegt. Natürlich konnte sie ihre Vorzüge auch in diesem Urlaub ausspielen. Ob beim Wandern, beim Radeln oder beim Bummel durch so manches hübsche Örtchen: Ich habe nie auch nur eine Sekunde gezögert, meine Kleine mitzunehmen. Warum auch? Sie wird ja niemals zur Belastung.

Damit ist aber noch längst nicht geklärt, ob meine Ricoh als alleinige Kamera für einen ganzen Urlaub taugt. Mein ehrliches Fazit dazu lautet nach den vierzehn Tagen: ja und nein. Beginnen wir mit den Gründen für das „Nein“: Selbstverständlich konnte ich mit dieser Minimalausstattung nicht all jene Fotos machen, die möglich gewesen wären, wenn ich stets meinen oben beschriebenen prall gefüllten Fotorucksack dabeigehabt hätte.

Die scheuen Löffler ließen sich ohne Tele nicht ablichten. Moossporen und so mancher Minikäfer waren ohne echtes Makroobjektiv ebenfalls kaum einzufangen. Hier und da hat mir die optisch verdichtende Wirkung einer längeren Brennweite gefehlt. Und ein unscharfer Hintergrund lässt sich mit dem Weitwinkel der Ricoh auch nicht so leicht herbeizaubern. Bei längerem Nachdenken würden mir gewiss noch ein paar weitere Bildideen einfallen, auf deren Umsetzung ich verzichten musste.

Aber damit sind wir auch schon beim entscheidenden Stichwort: Als Verzicht hat sich das nämlich ganz und gar nicht angefühlt. Einerseits habe ich selten so unbeschwert fotografiert, wie in diesen zwei Wochen. Und ich verwende den Begriff „unbeschwert“ hier nicht nur im buchstäblichen Sinn – schließlich musste ich keinen Kamerarucksack mit mir herumschleppen. Nein, ich habe es darüber hinaus auch als recht befreiend empfunden, mir keinerlei Gedanken darüber machen zu müssen, welches denn wohl das geeignetste Objektiv für die jeweilige Aufnahme sein könnte.

Stattdessen begann ich, die Welt – oder zumindest die Gegend in und um Drenthe – „mit den Augen meiner Kamera“ zu sehen. Es war beinahe so, als ob sich meine Wahrnehmung selbst auf eine Brennweite von 28 mm eingestellt hätte. Das passiert mir übrigens immer wieder. Ich gehe ja ziemlich oft auch mit meiner Olympus los und nehme nur ein einziges Objektiv mit. Allerdings ist das in der Regel ein Zoomobjektiv, das mich weniger stark einschränkt. Aber auch dann bemerke ich schon nach wenigen Metern, wie sich meine Wahrnehmung wie von selbst auf solche Motiven konzentriert, die mit dem mitgeführten Objektiv „machbar“ sind. Trage ich hingegen einen Rucksack voller Brennweiten mit mir herum, dann sehe ich so manches Mal vor lauter Optionen das mögliche Foto nicht mehr.

Da ich bei dieser Reise nur eine einzige Brennweite zur Verfügung hatte, musste ich immer wieder nach Lösungen suchen, um trotzdem zu einigermaßen brauchbaren Aufnahmen zu kommen. Beweisen kann ich es zwar nicht, aber ich hatte dabei den Eindruck, diese Begrenzung meiner Mittel hätte mir ganz gutgetan. Einschränkungen fördern ja ganz allgemein die Kreativität. Das scheint auch bei mir so zu sein, obwohl ich meine Bilder wohl kaum als sonderlich kreativ bezeichnen würde. Auf jeden Fall aber hat es mir überraschend viel Freude gemacht, mich dieser Herausforderung zu stellen.

Stellvertretend für alle jene hübschen Orte, die ich…
…mir angeschaut habe, seht ihr hier…
…ein paar Bilder aus dem malerischen Wasserdorf Giethoorn (Provinz Overijssel).

Würde ich es wieder tun? Nun, das hinge wohl davon ab, wo und was ich fotografieren wollte. Die Niederlande kann ich jederzeit wieder bereisen. Von meinem Wohnort im Münsterland ist es ja nicht weit. Da bin ich dann schon eher einmal bereit, ein solches Experiment zu wagen. Bei einem weiter entfernten Ziel, wo ich so bald nicht wieder hinkomme, würde ich mich darauf sicher nicht einlassen. Und selbstverständlich fühlt sich meine kleine Ricoh eher wohl in der Landschafts- und Streetfotografie. Mit Bildern von scheuen Tieren oder schönen Porträtaufnahmen tut sie sich da schon wesentlich schwerer.

Bleibt noch die Frage, ob die Niederlande denn überhaupt ein wirklich lohnendes Ziel für Naturfotografen darstellen. Dieses platte Land gilt ja nicht gerade als besonders abwechslungsreich. Zudem ist es sehr dicht besiedelt und in hohem Maß von intensiv betriebener Landwirtschaft geprägt.

Nun, wer es auf Fotos von spektakulären Landschaften abgesehen hat, der wird hier wohl nicht glücklich werden. Ich aber muss feststellen, dass ich mit der Zeit mehr in die gegenteilige Richtung tendiere. Es reizt mich immer weniger, mich mit unzähligen anderen Fotografen an den bekannten Hotspots zu tummeln. Stattdessen ziehe ich es zunehmend vor, mir in aller Ruhe meine Motive im Unspektakulären zu suchen, dort, wo sie nicht gleich ins Auge springen.

Mit dieser Herangehensweise bin ich, wie ich finde, in den Niederlanden dann sogar sehr gut aufgehoben. Deshalb habe ich auch beschlossen, dort demnächst noch viel mehr zu fotografieren. Darauf freue ich mich.

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