Allein durch die Art und Weise, wie wir ein Motiv fotografieren, können wir ganz erheblich beeinflussen, welche Emotionen unsere Bilder hervorrufen. Soll es heiter und leicht werden oder doch lieber düster und schwer? Vielleicht sogar ein klein wenig unheimlich? Alle diese Gefühle und noch so manche mehr lassen sich unseren Aufnahmen ganz gezielt einhauchen. Im einfachsten Fall reichen uns da schon das richtige Licht und – vielleicht noch wichtiger – die passenden Schatten. Darüber hinaus stehen uns aber noch jede Menge weiterer „Emotionsverstärker“ zur Verfügung: Sonne oder Regen, Wolken oder blauer Himmel, warme oder kühle Farben, distanziert oder mittendrin, Tag oder Nacht… Die Aufzählung ließe sich noch ein ganzes Weilchen fortsetzen.
Eine Anmerkung zum Anschauen auf dem Handy:
Alle Bilder hier im Glaslinsenspiel sind, wie es sich für einen Fotoblog auch gehört, zur Betrachtung an normalen Monitoren und größeren Tablets optimiert. Auf dem sehr viel kleineren Display eines Handys gehen naturgemäß viele Bilddetails verloren, erst recht bei so kontrastreichen Aufnahmen wie in diesem Blogbeitrag. Darauf habe ich leider keinen Einfluss.

Unsere fotografischen Möglichkeiten sind da fast unbegrenzt; sie zu nutzen ist jedoch nicht immer ganz unbedenklich. Die in Bildern unterschwellig transportierten Gefühle bergen immer die Gefahr der Manipulation in sich. Das mag manchmal erwünscht sein, zum Beispiel in der Werbung. Man denke nur an den sich eine Zigarette ansteckenden und dann in den Sonnenuntergang (oder dem Lungenkrebs entgegen) galoppierenden Cowboy. Im Fotojournalismus hingegen ist eine dokumentarische Darstellung geboten. Emotionale Bilder bekämen dort ganz schnell und völlig zu Recht ein „G’schmäckle“.


Nun, ich bin kein Journalist und darf es mir deshalb durchaus erlauben, die eine oder andere Emotion in meine Bilder zu bringen. Gerade bei der Naturfotografie sehe ich meine Aufgabe nicht in erster Linie darin, die Wirklichkeit dort draußen mit beinahe wissenschaftlicher Sachlichkeit zu dokumentieren. Nein, ich liebe die Natur – und ich möchte, dass man dies beim Betrachten meiner Aufnahmen auch spürt. Es mag mir vielleicht nicht immer gelingen, aber wenn doch einmal, dann erfüllt es mich stets mit großer Zufriedenheit.


Deshalb suche ich immer wieder nach Gelegenheiten, meiner Kamera die eine oder andere emotionale Aufnahme zu entlocken. Dafür nutze ich gerne jedes Übungsfeld, das sich mir bietet. Und was läge da wohl – im buchstäblichen Sinne – näher, als ein ausgedehnter Fotobummel durch die Stadt … naja … wohl eher das Städtchen, in dem ich lebe. Zur Abwechslung und damit die Übung nicht zu leicht wird, sollten es dieses Mal eher abweisend wirkende, vielleicht sogar düstere Fotos werden, jedenfalls ziemlich genau das Gegenteil von dem, was ein Tourismusmanager auswählen würde.


Bevor jetzt die höchst geschätzten Mitglieder unseres örtlichen Heimatvereins mit dem heiligen Zorn der Empörung über mich herfallen: Meine Familie und ich sind vor über einem Vierteljahrhundert aus freien Stücken nach Lengerich gezogen. Niemand hat uns dazu gezwungen und es gab auch keinerlei Umstände beruflicher oder privater Natur, die uns bei der Auswahl unseres Wohnortes in irgendeiner Weise eingeschränkt hätten. Lupenreinere Wahl-Lengericher als uns wird man wohl kaum finden. Man kann mir also schon glauben, dass den Fotos keinerlei Rachegedanken gegen meine Stadt zugrunde liegen.


In Wirklichkeit ging es mir einfach nur um eine fotografische Fingerübung. Anstatt für düster wirkende hätte ich mich ebenso gut für freundlich-heitere oder gar für idyllische Aufnahmen entscheiden können. Gut möglich, dass ich das alsbald einmal nachhole, natürlich ebenfalls hier in meiner Stadt. Das Ziel bei einer solchen Übung ist ja gerade nicht, das „wahre“ Lengerich zu zeigen. Ganz im Gegenteil. Diese in jeglicher Hinsicht völlig durchschnittliche Kleinstadt, weder auffallend hübsch noch besonders hässlich, sollte – ähnlich einer Schauspielerin – in den Bildern nur eine vorher festgelegte Rolle übernehmen.



Das gelingt natürlich immer dann am besten, wenn die Schauspielerin mit Sorgfalt und passend zu der ihr angedachten Rolle ausgewählt worden ist. Also kamen mir hier vor allem solche Motive entgegen, die von vornherein zumindest den Kern des Düsteren bereits in sich tragen. Wie in jeder anderen Stadt gibt es in Lengerich hübsche, aber eben auch … nun ja … weniger anheimelnde Ecken. Und genau die habe ich mir für meine Fotostrecke gezielt ausgesucht.


Ein paar Worte noch zur fotografischen Umsetzung. Wirklich viel zu beachten gab es dabei im Grunde nicht: Obwohl düstere Bilder selbstverständlich auch wunderbar in Farbe funktionieren können, habe ich mich hier für Schwarz-Weiß entschieden. Da ich die Aufnahmen im Winter gemacht habe, zu einer Zeit also, in der es draußen stets ein wenig an Farben mangelt, schien mir das die passendere Option zu sein. Ansonsten habe ich meist recht knapp belichtet und fast immer die Kontraste erhöht, oft sogar recht stark. Vielleicht noch eine Vignette und das war’s dann auch schon.


Wir Fotografen neigen wohl dazu, stets die Schönheit unserer Motive herausarbeiten zu wollen. Das gilt nicht nur in der Natur- und Portraitfotografie, sondern es zieht sich durch nahezu alle Genres. Über Für und Wider dieser Herangehensweise mag man wohl trefflich streiten. Ich jedenfalls bekenne mich in dem Punkt ganz klar schuldig. Heute aber wollte ich – und sei es auch nur zu Übungszwecken – einmal das genaue Gegenteil tun. Und soll ich euch was sagen? Es hat verflixt viel Spaß gemacht.
