Eine alte Tierfotografen-Weisheit lautet: „Wenn du schon keine gute Aufnahme zustande bringst, dann mach dein Motiv wenigstens schön groß.“ Ganz falsch ist das sicher nicht. Es dürfte wohl allemal besser sein, ein Tier formatfüllend abzulichten, als jede Menge Überflüssiges oder gar Ablenkendes mit einzufangen.
Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, dann warst du nicht nah genug dran.
Robert Capa
Aber heißt das, wir sollten stets und unter allen Umständen darauf abzielen, Tiere so groß wie möglich ins Bild zu setzen? Ich gebe ja gerne zu, dass eine formatfüllende Tieraufnahme ihren ganz besonderen Reiz haben kann. Messerscharfe Objektive und hochauflösende Sensoren, wie sie uns heute zur Verfügung stehen, fangen dann jedes Härchen, jedes Federchen ein. Das ist faszinierend, keine Frage. Wenn uns ein solches Foto gelingt, dann haben wir allen Grund, uns selbst auf die Schulter klopfen. Aber wir sollten darüber nicht vergessen, dass es auch sehr gute Gründe dafür gibt, immer mal wieder etwas weitwinkeliger an die Tierfotografie heranzugehen.

Aussagekräftigere Tierbilder
Ein formatfüllendes Tierfoto lässt uns zwar jedes Detail unseres Motivs erkennen, sagt aber so gut wie nichts über sein Lebensumfeld, sein Habitat aus. In einer Zeit, in der wir Menschen den Lebensraum vieler Tiere und Pflanzen mit rasender Geschwindigkeit verändern, oft genug auch vollends zerstören, ist es vielleicht sogar wichtiger denn je, sie in unseren Fotos nicht nur isoliert als Individuen abzubilden, sondern gerade auch ihr Lebensumfeld mit einzubeziehen. Erst das gibt einen Hinweis darauf, in welchem Habitat die abgebildete Tierart zu Hause ist, welche ökologische Nische es zu erhalten gilt, wenn wir sie nicht für immer verlieren wollen.


Wenn unser Hobby neben der reinen Freude, mit der Kamera in der Hand die Natur zu erkunden, einen Sinn haben soll, dann doch wohl den, unseren Mitmenschen immer wieder die Schönheit, aber eben auch die Verletzlichkeit dieser Natur buchstäblich vor Augen zu führen. Da kann es ganz sicher nicht schaden, unseren fotografischen Blick hin und wieder ein bisschen weiter zu fassen und auch den gefährdeten Lebensraum unserer tierischen Motive mit abzulichten.


Abwechslungsreicheres Portfolio
Nehmen wir spaßeshalber einmal an, wir seien auf einer Fotowanderung in den Alpen unterwegs und plötzlich träte in einiger Entfernung ein Steinbock mit beeindruckenden Hörnern hinter einem Felsen hervor. Und gehen wir darüber hinaus von dem gar nicht so unrealistischen Fall aus, uns bliebe nur Zeit für ein einziges Foto, bis er wieder mit flotten Sprüngen entschwindet. Wofür würdet ihr euch entscheiden? Würdet ihr ihn in Großaufnahme ins Bild setzen oder lieber etwas kleiner, dafür aber zusammen mit den kargen, schroffen Felsen seines natürlichen Lebensraums?


Bei mir wäre es dann wohl eher der Steinbock vor der Bergkulisse. Dennoch würde ich der formatfüllenden Aufnahme des Bocks schon ein wenig nachtrauern, die ich dann ja leider nicht im Kasten hätte. Nun, und so ganz glücklich wäre ich wohl erst, wenn mir auch noch die Zeit für einige weitere Aufnahmen geblieben wäre. Ein Porträt vielleicht, gerne auch der geschickt kletternde und von Fels zu Fels springende Steinbock… Mir würde da schon noch so einiges einfallen.

Worauf ich hinauswill: Nur, weil wir schon einmal ein anständiges Foto von einem Tier zustande gebracht haben, bedeutet das ja keineswegs, dass wir mit diesem Motiv nun „durch“ sind. Unser Hobby Natur- oder Tierfotografie besteht ganz gewiss nicht darin, irgendwelche Listen abzuhaken. Gehen wir nicht gerade deshalb immer wieder voller Begeisterung mit unserer Kamera in die Natur hinaus, um deren ungeheure Vielfalt in unseren Bildern einzufangen? Selbstverständlich wird es unser Portfolio bereichern, wenn sich diese Vielfalt in unseren Bildern widerspiegelt. Dazu gehört dann eben auch, Tiere nicht immer nur möglichst groß und formatfüllend zu fotografieren, sondern sie ab und an ganz bewusst etwas kleiner, dafür aber inmitten ihres jeweiligen Habitats abzulichten.

Damit haben wir schon einmal zwei gute Gründe, nicht immer nur auf Großaufnahmen unserer tierischen Models abzuzielen: Erstens führt es oft zu aussagekräftigeren Fotos, wenn wir ihren Lebensraums mit einbeziehen. Darüber hinaus kommen wir auf diese Weise auch zu einem deutlich breiter aufgestellten Portfolio. Aber das ist noch nicht alles:


Verantwortungsvolle Naturfotografie
Oberstes Gebot jeder Tierfotografie sollte es selbstverständlich immer und unter allen Umständen sein, eine Beunruhigung oder gar Störung der anvisierten Tiere so weit wie nur irgend möglich zu vermeiden. Alles andere wäre unethisch. Punkt. Wer sich daran nicht hält, der ist um keinen Deut besser als jene rücksichtslosen Zeitgenossen, die ihre Hunde auch in Naturschutzgebieten frei umherstreifen lassen oder dort mit ihren Mountainbikes herumbrettern.


Als verantwortungsvolle Naturfotografen halten wir uns selbstverständlich an alle zum Schutz der Natur erlassenen Regeln. Und selbst dort, wo keinerlei Verbote uns daran hindern, verzichten wir im Zweifel lieber auf ein Foto, zum Beispiel eine Nahaufnahme, wenn wir dafür eine Störung der Tiere in ihrem natürlichen Verhalten riskieren müssten. Anstatt über solche verpassten Gelegenheiten zu jammern, greifen wir lieber zu Plan B und machen das Beste daraus.

Warum also nicht das Ganze etwas weitwinkeliger angehen und damit neben unserem eigentlichen Motiv auch seinen Lebensraum einfangen? Fotografisch gesehen stellen solche Bilder sehr oft eine wirklich gute, nicht selten sogar die bessere Variante dar. Aber selbst, wenn dem mal nicht so sein sollte, können wir zumindest mit dem guten Gefühl nach Hause gehen, unser Hobby mit aller gebotenen Rücksicht ausgeübt und keine Störungen oder gar Schäden verursacht zu haben. Das zählt allemal mehr als jedes noch so gelungene Foto.
