Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass der Blogbeitrag über unsere große Schweizrundfahrt mit dem E-Auto maximal aus drei Teilen bestehen sollte. Aber die Vielfalt dieses kleinen Landes hat mich geradezu gezwungen, von meinem Plan abzuweichen. Jetzt schreibe ich bereits am vierten Teil, und auch der dürfte noch nicht der letzte sein. Mehr als fünf sollen es aber keinesfalls werden. Also werde ich ab jetzt wohl ein wenig Gas – oder eben Strom – geben müssen, um alle weiteren Stationen der Reise hier angemessen zu würdigen. Und wie immer gilt: Solltet ihr die ersten Teile noch nicht angeschaut haben, dann bringt euch ein Klick auf den Button zum Anfang unserer Schweizrundfahrt:
Zur Erinnerung: Wir sind inzwischen bereits im französischsprachigen Teil der Schweiz angekommen, genauer am Genfer See, den man hier Lac Léman nennt. Er ist erstens der größte See der Schweiz, zweitens auch gleichzeitig der größte See Frankreichs und drittens nach dem ungarischen Plattensee zwar nur der zweitgrößte, dafür aber wasserreichste See Mitteleuropas. Kein Wunder also, dass wir bei unserer Rundreise durch die Schweiz gleich mehrere Tage an seinen Ufern verbringen werden.

Lausanne
Heute ist Samstag und die Stadt entsprechend voll. Deshalb benötigen wir auch ein wenig Glück, um für unser Auto einen Parkplatz und später im Anschluss an einen ausgedehnten Stadtbummel für uns einen freien Tisch in einem netten Café zu finden. In der Innenstadt wimmelt es von Einheimischen wie auch von Touristen. Die einen hat wohl das rege Markttreiben angelockt, die anderen sind vermutlich eher wegen der historischen Altstadt mit ihrem mediterran anmutenden Charme hier. Über dem Ganzen thront die Kathedrale Notre-Dame auf ihrem Hügel. In den Sträßchen rings um diese bedeutendste gotische Kirche der Schweiz lockt heute zu allem Überfluss auch noch ein wuseliger Flohmarkt jede Menge Besucher an.


Wir lassen uns einfach ein wenig treiben, entdecken so manch hübschen Winkel und bestaunen die Fülle an Marktständen, wo so ziemlich alles angeboten wird, was man sich nur vorstellen kann. Lausanne vereint eine sehr internationale Bevölkerung, und wir können diese Vielfalt hier auf dem Markt mit allen Sinnen erleben. Alle paar Schritte dringen neue Aromen in unsere Nasen. An so manchem Stand staunen wir über die dort feilgebotenen, uns völlig unbekannten Lebensmittel. Beim Bummeln schnappen wir Gesprächsfetzen in den unterschiedlichsten Sprachen auf.

Nyon
Am Nachmittag erreichen wir dann unser nächstes Hotel in Nyon. Dort erwartet uns nicht nur ein sehr modern und geschmackvoll eingerichtetes Zimmer, sondern zu unserer Freude auch eine gut funktionierende Klimaanlage. Welch eine Wohltat bei Außentemperaturen von 35°C! Wir beschließen, diesen in der Schweiz eher seltenen Luxus erst einmal eine Weile zu genießen, bevor wir uns dann auf den Weg machen, die Stadt zu erkunden.


Zu unserer Überraschung geraten wir mitten hinein in ein Stadtfest. Die Straßen und Plätze sind an diesem Wochenende voller Menschen. Sie erfreuen sich spürbar gut gelaunt an den Auftritten zahlreicher Bands oder schmausen verlockend duftende Leckereien an einem der zahlreichen Imbissstände. Wir bummeln gemächlich durch das fröhliche Treiben, bewundern das hübsche Städtchen und genießen den Blick auf den See.



etwas enttäuschender Ausflug nach Genf
Am nächsten Vormittag fahren wir mit der ausgesprochen zuverlässigen Schweizer Bundesbahn (dieser kleine Seitenhieb auf die Deutsche Bahn sei mir erlaubt) nach Genf. Das ist von Nyon aus praktischer als mit dem Auto. Wir können am Ende nicht sagen, ob es an Genf selbst oder doch eher an der Hitze liegt, aber diese aus allen Poren Gediegenheit verströmende Großstadt vermag unser Herz nicht so recht zu gewinnen. Den späteren Nachmittag und Abend verbringen wir deshalb lieber wieder im wesentlich einladenderen Nyon.

Grotte de l’Orbe
Zum herausragenden Highlight des nächsten Tages wird unser Besuch in der Grotte de l’Orbe in Vallorbe. Diese Höhle lädt zu einem ausgedehnten Rundgang entlang eines unterirdischen Flusslaufs ein. Für mich dabei besonders erfreulich: Als Besucher muss man sich keiner Führung anschließen, sondern darf ganz nach eigener Lust und Laune überall so lange verweilen, wie man gerne möchte. Schon beim reinen Betrachten all der Tropfsteine und bizarren Kalkgebilde lieben wir es, uns ohne jeglichen Zeitdruck umschauen zu können. Spätestens aber, wenn es ans Fotografieren geht, ist solch eine Freiheit einfach unbezahlbar. Ich kann auf diese Weise den Bildausschnitt in aller Ruhe wählen, ohne andere Besucher zu behindern oder von ihnen behindert zu werden.


Fotografisch stellt die Höhle mich dennoch vor ein paar Herausforderungen. Natürlich ist es in ihrem Inneren von Haus aus dunkel. Andererseits werden viele Nischen, Wege und ganz besonders die Tropfsteingebilde so hell ausgeleuchtet, dass von ihnen auf den Bildern nichts als reines Weiß zu sehen ist, wenn ich nicht höllisch aufpasse. Zum Glück ist der Dynamikumfang meiner Kamera (also die Fähigkeit, sowohl sehr helle wie auch sehr dunkle Bereiche einzufangen) gerade soeben hoch genug, dies später in der Nachbearbeitung ausgleichen zu können.


Für ein weiteres Problem gibt es im Grunde überhaupt keine eindeutig richtige Lösung: Die Höhle wird logischerweise mit Kunstlicht ausgeleuchtet, denn sonst sähe man hier drinnen ja nichts. Dieses Licht tendiert von seiner Farbstimmung her ins Gelbliche. Es verfälscht mithin, wenn man so will, das natürliche Aussehen der Tropfsteingebilde. Aber halt: Gibt es dieses natürliche Aussehen überhaupt, wenn doch ohne Kunstlicht hier drinnen alles schwarz wäre?


Beim Bearbeiten der Bilder stellt sich nun die Frage: Soll ich den Weißabgleich (also die Farben im Foto) korrigieren? Und wenn ja, was wären denn die korrekten Farben? Eine eindeutige Antwort kann es aus den genannten Gründen gar nicht geben. Und nun? Letztlich habe ich mich dafür entschieden, die Farben genau so zu belassen, wie wir sie vor Ort erlebt haben, also vom installierten Kunstlicht geprägt. Das erschien mir am plausibelsten.

unerwartete Begegnung
Bitte fragt mich nicht, was für ein Riesenteil hier wohl transportiert wurde und welches eigenartige Fahrzeug dafür zum Einsatz kam. Ich habe keine Ahnung. Auf dem kurzen Weg von Vallorbe nach Orbe wurden wir und viele andere Autofahrer jedenfalls von der Polizei angewiesen, so weit es nur eben ging an den rechten Straßenrand zu fahren, wo wir dann stehenbleiben mussten. Nach ca. 10 Minuten kam dann dieses „Ding“ um die Ecke.

Des Kunsthandwerkers Rache in der Kirche von Orbe
Unser anschließender Rundgang durch das mittelalterliche Städtchen Orbe hat dann seinen ganz eigenen, etwas skurrilen Höhepunkt. Doch der Reihe nach: Eigentlich ist Orbe ein etwas verschlafener, aber durchaus pittoresker Ort. Aus diesem Bild stechen allenfalls die fröhlich bunt geschmückten Straßen ein wenig heraus. Neugierig machen uns dann allerdings etliche Schulranzen (erstaunlicherweise ohne die dazugehörigen Kinder) auf der Treppe zur Kirche.


Als wir das Gotteshaus betreten, da sehen wir, wie eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern geradezu begeistert lauscht, während ihre Lehrerin ihnen eine Geschichte erzählt. Die scheint unsere Verwunderung über die ungewöhnliche Aufmerksamkeit der Kinder zu bemerken und gibt deshalb extra für uns ihre Erzählung noch einmal zum Besten: Sie handelt von einem Künstler, der bei der Ausschmückung der Kirche gute Arbeit geleistet hat, dafür aber nicht wie vereinbart entlohnt wurde. Was er von dieser Sache hielt, hat er dann mit den Mitteln seines Handwerks deutlich gemacht – schaut euch einfach mal das folgende Foto ganz genau an.

Yverdon-les-Bains
Den Tag beenden wir dann bei einem leckeren Abendessen in dem traditionsreichen Thermal-Kurort Yverdon-les-Bains. Nach einem ausgedehnten Rundgang durch das Städtchen spazieren wir anschließend zu unserem Hotel zurück. Dessen altmodischer Charme passt, wie wir finden, ausgesprochen gut zu diesem Kurort, dem man ansieht, dass seine Blütezeit wohl schon ein paar Jahre zurückliegt.


Naturschutzzentrum Champ-Pittet
Bereits am nächsten Tag verlassen wir Yverdon-les-Bains wieder und machen uns auf den Weg nach Neuchâtel, wo wir ebenfalls lediglich eine Nacht bleiben werden. Aber unterwegs haben wir noch so einiges vor. Da ist zuerst einmal das Naturschutzzentrum Champ-Pittet mit seinem Seeufer-Feuchtgebiet und dem Vogel-Beobachtungsturm.

Leider tummeln sich dort heute nicht gerade viele Vögel, die Lust darauf haben, vor meiner Kamera zu posieren. Zuerst bin ich ein wenig enttäuscht. Als wir dann aber feststellen, dass es im angeschlossenen Café die besten (und vielleicht auch größten) Cookies gibt, die man sich nur wünschen kann, ist mein Seelenfrieden schlagartig wiederhergestellt.



großartige Landschaft am Creux du Van
Nach einem gründlichen, aber leider ebenso erfolglosen Versuch, bei Vuiteboeuf die versprochene mittelalterliche Karrengleisanlage ausfindig zu machen, nehmen wir in Couvet die Bergstraße zum Creux du Van. Sie endet bei einer Bergwirtschaft, wo wir später noch einkehren werden. Zuerst aber wandern wir den Hang weiter hinauf bis zum Kar. Welch ein Ausblick sich von dort oben auftut! Der Anblick dieser großartigen, senkrecht abfallenden Felswände war ohne jede Frage alle Mühen des Aufstiegs wert. Wobei der, um ganz ehrlich zu sein, nicht einmal allzu viele Schweißtropfen gekostet hat. Den größten Teil hat ja unser Auto übernommen.


Wir wandern noch ein ganzes Stück weiter, genießen immer wieder herrlich Ausblicke. Vor lauter Begeisterung mögen wir uns noch lange nicht entschließen, den Rückweg anzutreten. So suchen wir uns bei einer kleinen Ansammlung von Felsblöcken jeder einen bequemen Sitzstein und schauen von dort in die wunderschöne Landschaft um uns herum. Ein paar Kühe scheinen neugierig geworden zu sein. Offenbar wollen sie herausfinden, wer es sich da auf ihrer Wiese gemütlich gemacht hat. Wir versichern ihnen, keinerlei böse Absichten zu hegen. Beruhigt trotten sie daraufhin wieder davon. Schon bald tun wir es ihnen nach, denn je länger wir in der Hitze sitzen (doch, doch, auch im Schatten ist es heute heiß), desto verlockender erscheint uns eine Einkehr in der oben erwähnten Bergwirtschaft.

Neuchâtel
Am frühen Abend erreichen wir unser nächstes Hotel in Neuchâtel am gleichnamigen See, dem Lac de Neuchâtel. Von dort sind es nur ein paar Schritte zur Seepromenade. An ihr entlang spazieren wir in Richtung der sehenswerten Altstadt. Allmählich lässt die Hitze nach. Bei Tagestemperaturen von weit über 30°C sind es bei dieser Reise gerade die Abendstunden, die zu einem entspannten Stadtbummel einladen.


Wir schlendern zuerst am Wasser entlang, dann durch romantische Gassen, erkunden die noch recht geschäftige Unterstadt wie auch die ruhigere Oberstadt mit Schloss und Kirche. Als es langsam dunkel wird, suchen wir uns eine Bank am Seeufer. Noch lange erstrahlen die Wolken im letzten rötlichen Licht der Sonne. Erst als dann auch dieses Spektakel zu Ende geht, machen wir uns auf den Weg zurück ins Hotel.




Centre Nature de la Sauge bei Cudrefin
Am nächsten Morgen legen wir unseren ersten Zwischenstopp kurz vor Cudrefin ein. Wir hoffen im dortigen Centre Nature de la Sauge auf attraktive Models in Pelz oder Federkleid. Vielleicht lassen sich aus den Beobachtungshütten heraus ja tatsächlich ein paar ordentliche Tieraufnahmen machen.



Ein ausgesprochen freundlicher und hervorragend informierter Mitarbeiter (vermutlich ehrenamtlich) dämpft dann aber meine Erwartungen ganz gehörig, denn er erzählt uns, was man dort zu anderen Jahreszeiten alles so vor die Kamera bekommen kann. Wir werden bald feststellen, wie sehr er mit der Erwähnung der anderen Jahreszeiten ins Schwarze getroffen hat. Wir sind einfach zur falschen Zeit am richtigen Ort. Ein paar Fotos von mehr oder weniger wilden Tieren gelingen mir dennoch – immerhin.

Murten
Als Nächstes steuern wir Murten an. Dort hatte ich früher schon einmal geschäftlich zu tun. Auch wenn das ziemlich lange her ist, schwebt mir doch noch immer dieses Bild eines ebenso typischen wie attraktiven Städtchens vor Augen. Und tatsächlich erweist sich Murten mit seinen gemütlichen Laubengängen als äußerst lohnend. Kein Wunder also, dass wir bei weitem nicht die einzigen Touristen sind.



Im Gegensatz zu so manch anderem Ort stimmt hier aber die Mischung. Einheimische und Gäste ergänzen sich – zumindest heute – zu einer sympathischen Mischung, die das Städtchen lebhaft, aber keinesfalls überfüllt wirken lässt. Ganz gleich, ob wir nun durch die Sträßchen bummeln oder die begehbare Stadtmauer erklettern: Nirgendwo herrscht Gedränge, alles lässt sich in Ruhe besichtigen. Am Ende unserer Grand Tour of Switzerland wird Murten in unserer persönlichen Hitliste der charmantesten Orte der Schweiz ziemlich weit oben stehen.


Fribourg
Als wir am späteren Nachmittag unser nächstes Hotel in Fribourg erreichen, sind wir wegen der nach wie vor anhaltenden Hitze ganz schön geschafft. Dennoch raffen wir uns auch hier zu einem gar nicht mal so kurzen Stadtbummel auf. Es wäre einfach zu schade, wenn wir diese Mischung aus modernem Flair und mittelalterlichem Ambiente wegen hitzebedingter Trägheit verpassten.

Irgendwann ist unser Akku (und ich meine hier nicht den unseres E-Autos) dann aber endgültig leer. Wir brauchen dringend eine Pause. Wie gut, dass es in Fribourg von Restaurants nur so wimmelt. Schon bald sitzen wir zufrieden vor einem von ihnen und genießen unter freiem Himmel und bei mittlerweile nahezu moderaten Temperaturen ein ausgezeichnetes Abendessen. Dazu benötigen wir erst einmal nichts als Wasser, aber davon reichlich.

Als dann später so allmählich unsere Lebensgeister wieder erwachen, bestelle ich mir ein Bier. Vorher hätte es mich vermutlich gleich umgehauen. Das tut es jetzt allerdings – im übertragenen Sinn – auch. Ich habe selbstverständlich das Produkt einer Brauerei aus der Region gewählt und muss zu meiner eigenen Überraschung feststellen: Dies war ohne Wenn und Aber das mit Abstand wohlschmeckendste Bier, dass je durch meine Kehle geflossen ist. Die Marke habe ich mir sofort aufgeschrieben. Leider kann ich sie hier nicht verraten, denn im Glaslinsenspiel gibt es nun einmal keine Werbung. Nicht einmal für diesen Traum von einem Bier.

