Bisher sind wir in der Schweiz sprachlich ohne Probleme zurechtgekommen. Selbst in Graubünden, wo neben dem Deutschen auch Rätoromanisch und Italienisch offizielle Amtssprachen sind, war das nicht anders. Die Schweizer haben sich als ausgesprochen freundlich erwiesen. Sobald sie bemerkten, woher wir kamen, wechselten sie ohne zu zögern in jenes Hochdeutsch, dass in unseren Ohren so angenehm schweizerisch klingt. Man sollte allerdings nicht den Fehler machen, es mit dem echten Schwizerdütsch zu verwechseln, dass sie untereinander bevorzugen. Davon vermag unsereiner nämlich kaum ein Wort zu verstehen.
Im Tessin werden wir mit so viel Entgegenkommen ohnehin kaum rechnen können. O nein, die Menschen dort sind nicht minder freundlich als im Rest der Schweiz. Aber es wird nun einmal italienisch gesprochen; Deutsch ist eindeutig weniger verbreitet. Nun, zumindest mit den hiesigen Speisekarten werden wir wohl – den vielen italienischen Restaurants in Deutschland sei Dank – keine Probleme haben. Unser Überleben dürfte also gesichert sein.

Übrigens: Falls ihr die ersten beiden Folgen unserer Grand Tour of Switzerland mit dem E-Auto noch nicht angeschaut haben solltet, dann bringt ein Klick auf den Button euch direkt zu Teil 1.
Splügen
Wegen der recht späten Abreise aus dem Fextal und der etwas längeren Strecke, die wir bis zu unserem nächsten Hotel in Bellinzona vor uns haben, machen wir unterwegs nur einen Halt, und zwar im hübschen Walserdorf Splügen. Im 13. und 14. Jahrhundert besiedelten Alemannen aus dem Rhonetal, die Walliser (daher der Name „Walser“), im Alpenraum viele nur über schmale Saumpfade erreichbare Bergregionen. Bis heute ist die Ursache für diese Wanderbewegung nicht endgültig geklärt. So unendlich mühsam das Leben der Walser damals auch gewesen sein muss, sind die daraus entstandenen Dörfer doch überraschend anheimelnd. Splügen ist dafür ein wunderschönes Beispiel.


San Bernardino
Ein ordentliches Stückchen Fahrt liegt bereits hinter uns, als wir den San Bernardino erreichen, nach dem Julier heute schon unser zweiter Pass. Oben machen wir eine längere Pause, denn wir wollen in aller Ruhe die herrliche Bergwelt um uns herum betrachten. Aber auch ein Blick in die nähere Umgebung lohnt sich. So entdecken wir die eine oder andere Alpenblume direkt zu unseren Füßen – und manches mehr. Wie schön es hier oben doch ist.



Ascona
Am nächsten Tag machen wir uns schon recht früh auf den Weg zum Lago Maggiore. An seinem Ufer lädt Ascona uns ein zu einem Bummel durch die herausgeputzten Gässchen, in denen es von kleinen Läden und edlen Boutiquen nur so wimmelt. Man hat sich auch hier auf wohlbetuchte Touristen eingestellt, aber zum Glück, ohne den überaus charmanten Charakter des Ortes dafür zu opfern. Noch lebhafter als in den Gassen geht es an der Uferpromenade zu. Auch wir können nicht widerstehen: Schon bald findet man uns direkt am Ufer des Lago Maggiore in einem Straßencafé bei einem Kännchen Tee, den Blick bald auf den See, bald auf die Vorbeiflanierenden gerichtet.


Welch ein unglaublich vielseitiges Land die Schweiz doch ist. Jetzt sitzen wir hier unter Palmen an einem beinahe schon mediterran anmutenden See. Dabei haben wir doch soeben erst einige Alpenpässe überquert, wo wir oben noch durch den Schnee stapfen konnten. Wir waren zu Gast in Dörfern und Städten, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Das gleiche gilt für die regional stark variierende, aber überall verlässlich wohlschmeckende Küche. Und nicht zu vergessen die beinahe schon im Minutentakt wechselnde Landschaft: hohe Berge, tief eingeschnittene Täler, liebliche Alpenwiesen, engste Schluchten, faszinierende Höhlen, einladende Seen, reißende Flüsse … einfach großartig!



Da wir gerade von wunderbaren Landschaften sprechen: Heute stehen zwei überaus faszinierende Täler auf unserem Programm. Ausgangspunkt für beide ist Locarno, wo wir zuerst noch einen kleinen Abstecher an die auch hier sehr hübsche Seepromenade machen.


Valle Maggia
Die Fahrt durch das 45 Kilometer lange Valle Maggia ist für sich genommen schon ein Vergnügen. Den Höhepunkt bildet aber ohne Frage das Örtchen Avegno wegen seiner historischen Granithäuser. Wir nehmen uns ein bisschen Zeit, denn hier ergibt sich die spannende Gelegenheit für eine kleine Zeitreise. Als Besucher dürfen wir uns in Ruhe überall umschauen. So gewinnen wir einen recht guten Eindruck davon, wie sich das Leben in früheren – aber noch gar nicht so weit zurückliegenden – Zeiten als Bewohner dieser engen und dunklen Behausungen angefühlt haben mag.



Nur wenige Schritte sind es von dort bis in den heutzutage noch bewohnten Teil von Avegno. Bei einem kleinen Bummel können wir den enormen Gegensatz erleben. Ein Leben in diesen modernen, aber nach wie vor zum großen Teil aus Granit erbauten Häusern stellen wir uns durchaus behaglich vor.

Val Verzasca
Noch beeindruckender ist allerdings das Val Verzasca. Ganz ehrlich: Viel romantischer als hier an der Bogenbrücke bei Lavertezzo kann in unseren Augen eine Gegend kaum sein. Aber seht selbst:



Fahrvergnügen an Gotthard- und Furkapass
Der nächste Tag bietet wieder jede Menge Fahrspaß und Naturgenuss. Unser nächstes Hotel wartet auf 1.370 Metern Höhe inmitten einer herrlichen Berglandschaft im kleinen Ort Zeneggen auf uns. Zuvor gilt es jedoch, zwei weitere Pässe zu überwinden. Aber was heißt schon „überwinden“? In Wirklichkeit gehören ja gerade die Pässe zu den attraktivsten Streckenabschnitten der Grand Tour of Switzerland. Und heute stehen in dieser Hinsicht zwei besondere Highlights auf dem Programm – im übertragenen wie auch im buchstäblichen Sinn: Mit dem Gotthard werden wir den wohl berühmtesten Pass überqueren, wohingegen es am Furkapass mit seinen 2.429 m während unserer gesamten Schweizrundfahrt am höchsten hinaufgeht.



Auch wenn es schon etliche Jahre her ist, kann ich mich noch sehr gut daran erinnern, welch großes Vergnügen es mir damals bereitet hat, mit dem Motorrad durch all diese Spitzkehren zu wedeln. Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich jedoch zugeben, dass ich damals von der Natur ringsumher nicht allzu viel mitbekommen habe. Es ging mir eben mehr ums Motorradfahren, weniger um die Natur. Heute ist es genau umgekehrt. Aus dem Auto heraus hat man – trotz aller Konzentration auf die Straße – ja doch eher mal die Gelegenheit, seine Blicke ein wenig schweifen zu lassen. Außerdem nehmen wir uns immer wieder die Zeit für einen ausgedehnten Stopp, um dann in aller Ruhe diese großartige Berglandschaft um uns herum zu genießen.


Die Holzhäuser von Geschinen und Binn
Zwei kleine Dörfer müssen hier hervorgehoben werden: Geschinen und Binn. Beide bezaubern mit ihren historischen, aber nach wie vor bewohnten Holzhäusern. Ja, ich weiß, schon wieder Holzhäuser. Es sind nicht die ersten auf unserer Reise, und es werden auch nicht die letzten sein. Aber bevor ihr gähnend abwinkt: Die von Sonne, Wind und Wetter geschwärzten Holzhäuser erweisen sich wirklich als ausgesprochen sehenswert. Vor allem Binn verdient unsere absolute Empfehlung, zumal der Kuchen im dortigen Gasthaus beinahe schon ganz alleine den Abstecher wert wäre.



Zeneggen
Am späten Nachmittag erreichen wir dann unser Hotel im Bergdorf Zeneggen. Bereits die Fahrt hier herauf ist wunderschön; sie kann aber wegen der schmalen Straße bei Gegenverkehr durchaus auch mal ein wenig knifflig werden. Nun, das ist ja ein Teil des Vergnügens. Wer sich damit nicht anfreunden mag, für den ist die Schweiz vielleicht nicht das allerbeste Reiseland. Bitte verzeiht mir das Wortspiel: Hierzulande befinden sich viele Highlights nun einmal recht weit oben.

Bis zum Abendessen genießen wir es, einfach nur auf unserem Balkon zu sitzen und in die umliegende Bergwelt zu schauen. Wie beinahe unwirklich schön es hier ist! Morgen werden wir die Gegend um Zeneggen bei einer ausgedehnten Wanderung erkunden. Den heutigen Tag beschließen wir dann im behaglichen Restaurant unseres Hotels bei einem ausgezeichneten Abendessen. Da es sich dabei gleichzeitig um das einzige Lokal in Zeneggen handelt, sind wir sehr froh, dass der Chef des Hauses ein so guter Koch ist.


Eine herrliche Wanderung und ein weiteres sehr gutes Abendessen später verlassen wir Zeneggen am übernächsten Morgen. Auch hier hätten wir uns sehr gut vorstellen können, ein paar Tage länger zu verweilen. Aber ein gutes Stück der Grand Tour of Switzerland liegt ja noch vor uns. Heute wird sie uns bis nach Blonay führen, womit wir dann endgültig im französischsprachigen Teil der Schweiz angekommen sein werden.
Grimentz
Unseren ersten Stopp legen wir in Grimentz im Val d’Anniviers ein. Und nun ratet mal, was es dort zu sehen gibt: Ganz genau, schon wieder jede Menge Holzhäuser – hier aber üppigst mit Blumen geschmückt und darüber hinaus durch Zierrat jeglicher Art ordentlich aufgemotzt. Offensichtlich will man den unzähligen Touristen etwas bieten. Insofern kann man Grimentz durchaus als das rummelige, aber leider nicht mehr so ganz authentische Gegenstück zu den oben erwähnten Orten Geschinen und Binn betrachten. Und dennoch: Auch hier lohnt sich ein Spaziergang durch den Ort allemal. Man sollte nur eben eine gewisse Gelassenheit gegenüber jedwedem Touristenkitsch mitbringen.



Es gibt schon einen Grund dafür, dass Grimentz so viele Besucher – darunter ja auch uns – anlockt. Neben dem oben erwähnten Chichi, das bei touristischen Hochburgen nun einmal dazugehört, hat der wunderschön auf 1.553 Metern gelegene ehemalige Bergbauernort wirklich jede Menge echte und für die Gegend typische alte Holzhäuser zu bieten. Entgehen lassen sollte man sich Grimentz also auf keinen Fall. Dies umso mehr, als auch der gesamte Abstecher ins Val d’Anniviers ausgesprochen reizvoll ist.


Pyramides d’Euseigne
Als kaum weniger attraktiv erweist sich die Fahrt durchs Val d’Hérens. Sobald wir uns Euseigne nähern, halten wir besonders aufmerksam Ausschau. Hier irgendwo sollen sie zu finden sein, die Erdpyramiden, derentwegen wir diesen weiteren Abstecher in erster Linie in Angriff genommen haben. Als wir sie dann entdecken, müssen wir ein wenig über uns selbst schmunzeln. Die Sucherei hätten wir uns nämlich getrost sparen können, denn unsere Straße führt buchstäblich durch die Pyramiden hindurch. Wie hätten wir sie also verfehlen können? Etwas eigenartig kommt es uns allerdings schon vor, dass man tatsächlich eine Straße mitten durch dieses Naturmonument geführt hat. Nun, vermutlich wird es gute Gründe dafür gegeben haben.


Sion
Als es im Teil 2 um unsere Stippvisite in Chur ging, da habe ich euch ja schon darüber berichtet, dass sich diese Stadt als die älteste der Schweiz bezeichnet, Sion ihr den Titel aber streitig macht. Welcher der beiden Orte auch immer Recht behalten mag, wir können nur feststellen, dass jeder von ihnen mit sehr viel Charme aufwarten kann. Hier wie dort haben wir jedenfalls eine Menge Freude daran, durch die hübsche Altstadt zu bummeln, auch wenn uns das in Sion schwerer fällt. Das hat aber überhaupt nichts mit der Stadt selbst zu tun. Uns macht vielmehr die Hitze zu schaffen. Temperaturen von weit über 30°C sind nämlich inzwischen zu unseren ständigen Begleitern geworden – und werden es leider für den Rest unserer Reise auch bleiben.


Nachdem wir uns in Sion für eine Weile vor der Hitze in ein schattiges Café unter den Arkaden geflüchtet haben, fühlen wir uns gerade so eben wieder erfrischt genug, um zurück zum Auto zu schleichen. Welch Glück, dass sich so ein Elektroauto vorkühlen lässt. Nicht auszudenken, wie heiß es sonst im Innenraum wäre, nachdem der Wagen rund zweieinhalb Stunden in der prallen Sonne gestanden hat. Aber ich muss nur ein paar Minuten vor der Abfahrt über eine Handy-App die Klimaanlage einschalten, und schon erwartet uns ein auf angenehme 21°C temperiertes Auto. An Tagen wie diesen einfach unschätzbar.

Wasserfall Pissevache
Den letzten Zwischenstopps für heute legen wir in Vernayaz ein. Zuerst wollen wir uns die Trientschlucht anschauen, danach den Wasserfall Pissevache. Ein guter Plan, denn zwischen den beiden liegen nur wenige Hundert Meter. Leider geht er nicht auf. Wir haben einfach nicht damit gerechnet, dass der Zugang zur Schlucht bereits um 17.00 Uhr geschlossen wird. Es hilft also nichts, wir werden morgen noch einmal herkommen müssen. Für heute bleibt uns damit nur der Wasserfall.


Anschließend sind wir so geschafft, dass wir nicht einmal mehr die Energie aufbringen, irgendwo zum Abendessen einzukehren. Stattdessen kaufen wir uns unterwegs ein paar Kleinigkeiten. Zum Glück verfügt unsere etwas oberhalb von Blonay gelegene Unterkunft über einen hübschen Garten mit Aussicht. Nachdem am Abend die Hitze endlich ein wenig nachgelassen hat, machen wir uns dort über unsere mitgebrachten Köstlichkeiten her.
Trientschlucht
Am nächsten Morgen fahren wir dann noch einmal zurück nach Vernayaz, um unseren gestern an den bereits geschlossenen Toren gescheiterten Besuch der Trientschlucht nachzuholen. Die doppelte Fahrt hätten wir uns zwar gerne gespart, aber als wir dann durch die gewaltige Schlucht wandern, sind wir doch mehr als froh, diese zusätzlichen Kilometer auf uns genommen zu haben.




Keine Abkühlung in den Höhlen, aber dafür ein Eis in Montreux
Eigentlich wollen wir als Nächstes die Grottes aux fèes bei Saint Maurice besuchen, aber die sind derzeit wegen irgendwelcher Arbeiten geschlossen. Dummerweise übersehen wir den nicht gerade ideal angebrachten Hinweis auf die Schließung und stapfen tapfer den steilen Weg zum Höhleneingang hinauf. Erst oben bemerken wir, dass diese Anstrengung völlig umsonst war. Und das bei weit über 30°C im ohnehin kaum vorhandenen Schatten! Ein bisschen grummelnd fahren wir deshalb weiter nach Montreux. Selbstverständlich legen wir einen Zwischenstopp am berühmten Schloss Chillon ein.


Dann aber hält uns nichts mehr. An einem so heißen Tag wie heute haben wir uns, wie wir finden, eine Einkehr in einem der schicken Cafés am Ufer des Lac Léman (Genfer See) verdient. Dort verweilen wir im wohltuenden Schatten, schlecken ein dickes Eis und tun ansonsten das, was die Franzosen „voir, comme la vie se passe“ nennen. Mit anderen Worten: Wir schauen dem Treiben der an uns vorbeiflanierenden Menschen zu. Gewiss könnte man in Montreux so allerlei unternehmen, gar keine Frage. Wir aber brauchen einfach mal einen ruhigen Nachmittag ohne Programm. Die Uferpromenade in Montreux ist dafür gewiss nicht der schlechteste Ort.


Letztlich bummeln wir doch wenigstens noch ein wenig an der angeblich schönsten Uferpromenade der Schweiz (was durchaus stimmen könnte) entlang, müssen aber bald feststellen, dass sich am Himmel etwas zusammenbraut. Also machen wir, dass wir schleunigst zum Auto kommen. Später werden wir dann aus dem Fenster unseres Hotels ein gehöriges Unwetter über dem See beobachten können.
