Ob das wirklich eine gute Idee war, mitten im November zum Fotografieren an die Nordsee zu fahren? Die Wetterprognose für die Gegend am Jadebusen hatte jedenfalls alles andere als verlockend geklungen: Temperaturen um den Nullpunkt und jede Menge Regen, vielleicht sogar Schnee. Hier und da auch ein paar Sonnenstrahlen, immerhin. Ein wenig exzentrisch – um das böse Wort verrückt zu vermeiden – sollte man für ein solches Vorhaben wohl schon sein. Mit anderen Worten: Vielleicht war ich ja genau der Richtige dafür.


Am Ende war das Wetter dann aber beinahe noch verrückter als ich. Hatte es eben noch in Strömen gegossen, schien wenige Minuten später die Sonne aus einem so strahlend blauen Himmel, dass es schon beinahe kitschig wirkte. Aber sofort brachte der eisige Wind die nächsten Wolken daher, dieses Mal mit einer ordentlichen Portion Schneeregen, der über Nacht gefror. Doch auch diesem Zauber bereitete die Sonne gleich am nächsten Morgen ein schnelles Ende.



Nur an einem einzigen meiner knapp vier Tage im Norden führte das Wetter keinerlei Kapriolen auf. Stattdessen regnete es von morgens bis abends durchgängig in nicht enden wollenden Strömen. Zum Glück hatte meine Wetter-App dies auch exakt so vorhergesagt. Deshalb beschloss ich, an jenem Tag die Flucht ins nahe gelegene Bremerhaven anzutreten. Dort goss es zwar kein bisschen weniger, aber zumindest hatten hier, anders als in den kleinen Küstenörtchen, die Teestuben und Restaurants auch um diese Jahreszeit geöffnet. So konnte ich mich zwischendurch wenigstens immer mal aufwärmen und trockenlegen.



Übrigens: Selbstverständlich hat mich auch in Bremerhaven der Dauerregen nicht vom Fotografieren abhalten können. Ich habe es bisher allerdings noch nicht geschafft, die dabei entstandenen Aufnahmen durchzuschauen, aber falls sie allen Widrigkeiten zum Trotz doch einigermaßen vorzeigbar geworden sein sollten, dann bekommt ihr sie hier selbstverständlich im nächsten Blogbeitrag zu sehen.

Nun aber zurück zur Küste, genauer gesagt zum Jadebusen: Diese Gegend hatte ich immer als ein wenig herber empfunden, vielleicht nicht gleich auf Anhieb so gefällig und einladend wie manch andere Küste an Nord- oder Ostsee. So war es bei mir vor einigen Jahren wohl eher Liebe auf den zweiten Blick. Dann aber hat es mich speziell zur Vogelfotografie immer wieder dorthin gezogen. Ganz ohne ein paar Aufnahmen meiner gefiederten Freunde mochte ich auch jetzt im November nicht abreisen. Dies umso mehr, als mich die hübschen Säbelschnäbler geradezu einluden, sie bei ihrem Tagewerk im Watt abzulichten.




Dieses Mal aber sollte weniger die Vogelwelt als vielmehr die Landschaft im Fokus stehen. Gerade um diese Jahreszeit hoffte ich, ihren rauen Charme in meinen Fotos einfangen zu können. Dabei spielte mir das Herbstwetter durchaus in die Karten. Der zeitweise nahezu bedrohlich erscheinende Himmel über dieser spröden Landschaft sorgte ganz von alleine für Bilder, die sich von den üblichen Sommer-Sonne-Strand-Postkartenmotiven deutlich abheben. Die fast vollständige Abwesenheit von Touristen trug ihren Teil dazu bei, die schier endlose Weite des Wattenmeers zu betonen.


Gerade weil mein Blick hier ungehindert bis zum Horizont wandern kann, erfasst mich ein Gefühl … nein … eben nicht von Einsamkeit, wie man vermuten könnte, sondern von Freiheit. Ähnliches erlebe ich sonst höchstens bei einer Bergwanderung, wenn der Gipfel endlich erreicht ist und die Welt weit unter mir klein und unbedeutend, die Natur aber so gewaltig erscheint. Schon eigenartig, dass ich jetzt hier an der Nordsee am platten Wattenmeer stehe und in mir Emotionen aufkommen, die ich sonst nur aus den Bergen kenne.



Da wir gerade bei Emotionen sind: Das höchst wechselhafte Wetter drückt sich – wie könnte es anders sein – auch in meinen Fotos aus. Da haben wir wieder einmal den Beweis, wie sehr es sich lohnt, auch bei noch so unfreundlichen Bedingungen mit der Kamera loszuziehen. Ich kann euch versichern, meine Laune während dieser Tage im Norden war stets bestens. An mir wird es also kaum liegen, wenn die Bilder völlig unterschiedliche Stimmungen transportieren. Dafür ist allein das Wetter verantwortlich, vor allem die Wolken. Mal tiefdunkle, fast schwarze, schon beinahe drohend wirkende Wolkengebirge, dann wieder heiter anmutende weiße Wölkchen vor dem strahlend blauen Himmel: Welch einen Unterschied das doch macht!


Wenn mir eines Tages die viel zitierte gute Fee begegnen sollte und mir die Erfüllung eines Foto-Wunsches gewährte, dann bräuchte ich nicht lange nachzudenken: Nicht das allerneueste High-End-Equipment, auch nicht die größtmöglichen technischen Fertigkeiten würde ich mir wünschen, sondern die Fähigkeit, viel häufiger als bisher wirklich emotionale Aufnahmen zustande zu bringen – Bilder, die berühren.


Leider hat diese Fee den Weg zu mir noch nicht gefunden. Aber zum Glück gibt es da draußen ja auch noch die launischen Wettergötter. Anders als Feen sind sie zwar nicht immer freundlich und angenehm, doch sie helfen mir sehr dabei, meinen Aufnahmen hier und da die gewünschten Emotionen einzuhauchen. Aber wie es mit Göttern nun einmal so ist, sollte man sie nicht erzürnen. Und mit nichts scheine ich ihren Groll mehr zu erregen, als wenn ich ihre Bemühungen einfach ignoriere und bei den großartigsten Fotobedingungen – will heißen dem unwirtlichsten Wetter – einfach zu Hause bleibe. So etwas bestrafen sie gnadenlos mit ihrem gefürchteten Wettergötter-Fluch: „Mögen alle deine Bilder öde und langweilig sein, jetzt und immerdar!“

Ich sollte mich wohl besser nach Kräften bemühen, diesem bösen Fluch zu entgehen. Also dürftet ihr hier im Glaslinsenspiel noch so manches Schietwetter-Bild zu sehen bekommen. Vielleicht ja sogar schon im nächsten Blogbeitrag.