Jetzt mal ehrlich: Wer von euch kennt das Wendland, weiß vielleicht sogar, wo auf der Landkarte es zu finden ist? Vor allem die etwas Älteren dürften jetzt den Finger heben. Wendland – da klingelt doch was. Ja genau: Vor allem der kleine Ort Gorleben wurde zusammen mit dem bayrischen Wackersdorf zu einem der beiden nicht nur politischen Schlachtfelder im Kampf gegen die damalige Atompolitik. Bei Gorleben im Wendland sollte ein dafür wenig geeigneter Salzstock (aber welcher Ort könnte sich für so etwas schon eignen?) zu einem Endlager für radioaktive Abfälle ausgebaut werden. Das forderte aus verständlichen Gründen erbitterten Widerstand heraus.

Aber darum soll es in diesem Blogbeitrag nicht gehen. Das Wendland hat nämlich sehr viel mehr zu bieten als fast vergessene Anti-Atomkraft-Nostalgie. Hübsche Städtchen gehören dazu, aber vor allem eine ausgesprochen vielfältige Natur, wie man sie längst nicht mehr überall findet. Zu Beginn der zweiten Aprilhälfte war ich mit meinem kleinen Wohnanhänger dort. Dummerweise hatte ich mir dafür genau jene Tage ausgesucht, an denen ein gehöriger Kälteeinbruch die Nachttemperaturen bis unter den Gefrierpunkt drückte. Aber was soll’s? Mein Anhänger ist ja zum Glück winterfest.

Tagsüber schien fast immer die Sonne, der Himmel war blau und viel zu oft leider auch komplett wolkenlos. Nicht ideal für die Landschaftsfotografie, aber ich ließ mir davon die Laune nicht verderben. Stattdessen baute ich voll und ganz darauf, dass die tolle Landschaft den etwas langweiligen Himmel schon irgendwie wettmachen könnte.


An der Jeetzel bei Hitzacker
Der erste Morgen zeigt sich grau in grau, es regnet sogar, aber vom frühen Nachmittag an soll sich dann endgültig die Sonne durchsetzen. Ich lasse mir also reichlich Zeit für ein gemütliches Frühstück. Rechtzeitig mit den ersten Sonnenstrahlen bin ich dann in Hitzacker. Der Ort ist ausgesprochen hübsch, muss aber noch warten. Mein Weg führt mich erst einmal ans Ufer der Jeetzel, die aus der Altmark kommend hier in die Elbe mündet. Die Pfade bis ans Flussufer erweisen sich als erstaunlich herausfordernd. Sie zu bezwingen ist ein wenig mühsam, aber zur Belohnung stehe ich am Ende in einer ziemlich romantischen Auenlandschaft.


Hitzacker
Es wäre sträfliche Ignoranz, anschließend nicht auch noch einen Bummel durch das äußerst liebenswerte Städtchen Hitzacker zu machen. Im Sommer dürfte es hier von Besuchern nur so wimmeln; jetzt im April aber habe ich den idyllischen Ort beinahe für mich alleine. Ich bummle durch die Gassen, betrachte die hübschen Fachwerkhäuser, zwänge mich durch kleine Gänge. Verlaufen kann ich mich nicht, denn die Altstadt liegt auf einer Insel, die von zwei Armen der Jeetzel liebevoll umarmt wird.



Von Rundlingen…
Eine echte Besonderheit des Wendlands sind die vielen Rundlingsdörfer. Ursprünglich handelt es sich dabei um eine Siedlungsform, die ausschließlich in einer schmalen Kontaktzone zwischen Deutschen und Slawen entstanden ist. Sämtliche Bauernhöfe und alle sonstigen Gebäude sind kreisförmig oder im Oval rund um einen zentralen Dorfplatz angeordnet. Ursprünglich führte nur eine einzige Straße hinein und hinaus. Das ist bei vielen Rundlingen (so werden sie meist genannt) auch heute noch so.



Obwohl die meisten Rundlingsdörfer bewohnt sind, ist es jetzt im April noch sehr still dort. Ich nehme mir eine Menge Zeit, einige der am besten erhaltenen Rundlinge zu besuchen. Manche betrachte ich nur vom Auto aus; andere aber finde ich so hübsch, dass ich unbedingt anhalten muss. Es ist jedes Mal wieder ein Vergnügen, zu Fuß im Kreis herum durchs Dorf zu bummeln.



…und Findlingen
Während der Eiszeiten haben riesige Gletscher jede Menge Steine aus Skandinavien herantransportiert, erstaunlich viele davon mitten ins Wendland. Manche trugen sie auf ihrem Eispanzer herbei, andere schoben sie vor sich her und glitten nicht selten über sie hinweg. Als das Eis dann schmolz, blieben die Steine zurück. Jene, die sie vor und unter sich herumgeschoben hatten, waren oft durch die Eismassen zerkleinert, ja sogar in großen Mengen zu Sand zermahlen worden. Darauf komme ich im nächsten Kapitel zurück.

Es waren aber auch viele große Felsbrocken auf dem Eis ins Wendland „geritten“. Das Eis hat auf diese Weise jede Menge Unordnung angerichtet, war aber am Ende zu faul, auch wieder ordentlich aufzuräumen. Stattdessen hat es sich einfach verdünnisiert und es der Nachwelt überlassen, sich um die ganze Bescherung zu kümmern. Offenbar waren die Menschen im Wendland dabei fast so eifrig wie ein gewisser Herr Obelix in der Bretagne. Zum Beispiel haben sie in Clenze hübsche Findlingskreise errichtet.

Die Nemitzer Heide
Oben hatte ich davon erzählt, wie die Gletscher Steine zu Sand zermahlen haben. Eine große, eine sehr große Ladung davon liegt heute in der Nemitzer Heide. Sie ist aber nicht nur durch den Sand geprägt, sondern noch weit mehr durch einen verheerenden Waldbrand im August 1975. Damals verbrannte nahezu der gesamte Kiefernwald rund um Nemitz. Da man ihn nicht wieder aufgeforstet hat, konnte auf dieser Fläche eine Sandheide entstehen. Heute gilt sie zu Recht nicht nur als besonders schützenswerter Lebensraum; sie ist auch unter fotografischen Gesichtspunkten einen Besuch … ach was … sie ist definitiv etliche Besuche wert.



Jetzt im April kann ich natürlich nicht mit einer prächtig blühenden Heide rechnen. Da werde ich wohl im August noch einmal herkommen müssen. Aber dafür habe ich heute die gesamte Heide für mich alleine. Welch ein Erlebnis! So kann ich nach Herzenslust fotografieren, ohne ständig darauf achtgeben zu müssen, ob mir andere Besucher ins Bild latschen. Und gar so unattraktiv wie befürchtet ist die Besenheide auch jetzt im Frühjahr nun wirklich nicht.



Dummeniederung
Weniger bekannt, aber auf eine völlig andere Weise ebenfalls sehr attraktiv ist die Dummeniederung. Ihren Namen verdankt sie der Dumme, einem kleinen Nebenfluss der Jeetzel. In deren Einflussbereich gibt es noch sehr viele Feuchtwiesen und sogar einige kleinere Sümpfe. Und auch hier gilt, was ich soeben über die Nemitzer Heide geschrieben habe: Diese Landschaft wirkt auf viele Tier- und Pflanzenarten höchst anziehend. Eine davon ist der Homo sapiens, vor allem jene Unterart, die sich durch eine Ausbuchtung am Rücken (Fachbegriff: Fotorucksack) auch von Laien unschwer von anderen Unterarten (z.B. Spaziergänger, Jogger, Radler) unterscheiden lässt.


In Bergen an der Dumme liegt der Start- und Zielpunkt eines herrlichen Rundwegs. Ich parke am Ortsausgang mein Auto und folge den Markierungen. Enttäuscht werde ich definitiv nicht. Die wunderschöne Landschaft und das angenehme Wetter laden heute geradezu zum Wandern ein. Über den gesamten Rundweg verteilte Info-Tafeln geben allerlei Wissenswertes zum Besten über Flora und Fauna. Auch mangelt es nicht an Fotomotiven. Könnte ich wohl noch zufriedener sein?


O ja, das könnte ich tatsächlich. Irgendwann führt mich der Weg an einem hölzernen Aussichtsturm vorbei. Ob es sich wohl lohnt, ihn zu erklimmen? Aber hey, wenn ich schon einmal hier bin, dann tun mir die paar Stufen ja nun wirklich nicht weh. Oben angekommen sehe ich vor mir eine Feuchtwiese, dahinter einen sehr kleinen See und sonst nichts. Aber halt, war da hinten nicht doch irgendwas? Tatsächlich, dort ganz in der Nähe des Ufers stehen zwei Kraniche. Zum Fotografieren sind sie zwar zu weit weg, aber mit dem Fernglas kann ich sie prima beobachten. Und dann sehe ich es: Unten im Gras wuseln zwei winzige Kranichküken um die Beine ihrer Eltern herum. Beinahe zärtlich reichen die ihnen kleine Futterhäppchen. Ich bleibe noch lange auf dem Turm und schaue dem Treiben der Kranichfamilie zu.

Die Göhrde
Mein einziger Programmpunkt hier im Wendland, der mich vielleicht ein klein wenig enttäuscht, ist die Göhrde, das größte zusammenhängende Mischwaldgebiet in ganz Norddeutschland. Gewiss gilt dieser Wald zu Recht als ausgesprochen wertvoll. Aber so ein sonniger Apriltag wie heute ist einfach der falsche Zeitpunkt für einen Besuch. Mit ansprechenden Fotos tue ich mich dementsprechend schwer. Immerhin gelingen mir ein paar Detailaufnahmen. Zufrieden bin ich am Ende dennoch, denn es ist einfach immer wieder ein Erlebnis, das zarte Grün des Frühlings in einem naturnahen Wald erleben zu dürfen. So hat sich letztlich auch dieser Besuch gelohnt. Ich werde aber gewiss noch einmal zu einer anderen Zeit zurückkommen, vorzugsweise im Herbst.



Zurückkommen ist das Stichwort: Die Tage im Wendland haben mir großen Appetit gemacht auf mehr. Schon während meiner Rückfahrt in Richtung Münsterland nehme ich mir vor, ganz sicher noch weitere Fototouren ins Wendland zu unternehmen. Ich mag sie einfach, solche auf den ersten Blick unspektakuläre Landschaften, deren Charme sich nicht sofort erschließt, mich dann aber umso überraschender gefangen nimmt.

