Hin und wieder erlaube ich mir gerne mal den Spaß, mich von meinen eigenen Fotos überraschen zu lassen. So etwas geht doch gar nicht, meint ihr? Und wie das geht! Ich könnte zum Beispiel meine Kamera während der Aufnahme absichtlich bewegen. Das nennt sich dann Intentional Camera Movement (ICM), macht aber nicht nur vom Namen was her. Damit lassen sich auch sehr ansprechende Bilder machen. Vorhersehbar sind die Ergebnisse dabei kaum. Man muss deshalb ein wenig experimentieren. Abgeschwächt gilt das auch für die gute alte Doppelbelichtung. Hier kann ich die Aufnahmen zwar ein wenig besser planen; trotzdem bleiben sie immer bis zu einem gewissen Grad dem Zufall überlassen.

Alle Bilder für diesen Beitrag habe ich mit meiner Ricoh GR 4 bei 28mm (auf Kleinbild umgerechnet) als echte Doppelbelichtungen aufgenommen. Ihr könnt ja gerne einmal versuchen herauszubekommen, welche zwei Motive dabei jeweils zu einem einzigen Foto verschmolzen sind. Gar nicht immer so leicht, oder?

Die technische Seite der Doppelbelichtung
Technisch ist die Sache ziemlich simpel: Im einfachsten Fall könnte ich übrigens auch einfach zwei beliebige Aufnahmen nachträglich in Photoshop übereinanderlegen. Aber wo bliebe da die Überraschung? Viel spannender ist es, wenn ich die Fotos bereits in der Kamera zu einer Doppelbelichtung kombiniere. Das ging schon früher bei vielen analogen Kameras, und auch die meisten digitalen Nachfolger bieten die Funktion der Doppel- oder gar Mehrfachbelichtung.

Im Gegensatz zu früher habe ich dabei heute ein gewisses Maß an Kontrolle, da mir die Kamera beim Aufnehmen des zweiten Bildes das erste in einer halbtransparenten Darstellung auf dem Monitor anzeigt. Auf diese Weise gewinne ich schon vorab einen Eindruck davon, wie es in etwa aussehen wird, wenn ich die beiden Aufnahmen zu einer kombiniere.

Das spielerische Element
Wollte ich die volle Kontrolle über so eine Doppelbelichtung, dann täte ich gut daran, sie erst während der Nachbearbeitung mit Hilfe von Photoshop anzufertigen. In dem Fall könnte ich die beiden Ausgangsfotos völlig frei aus meinem gesamten Bildarchiv wählen. Außerdem ließe sich die Art der Überlagerung im Detail festlegen: die genaue Positionierung der Einzelaufnahmen, ihre Transparenz und auch die Art und Weise, wie sie miteinander zu einem einzigen Bild verrechnet werden.


Mir geht es aber meistens um etwas ganz anderes: Ich will keine Präzision, keine volle Kontrolle; ich will einfach spielen, ein bisschen Spaß mit meiner Kamera haben. Also ziehe ich los und halte Ausschau nach Motiven, von denen ich annehme, dass sie übereinandergelegt ein hübsches Bild ergäben. Ob’s stimmt? Das weiß ich erst, wenn ich mir die fertige Doppelbelichtung anschaue. Aber was habe ich schon zu verlieren?


Diese Vorgehensweise stellt mich vor einige ungewohnte Herausforderungen. Die wohl größte besteht dabei darin, dass ich die beiden Aufnahmen unmittelbar hintereinander machen muss. Ich bin dadurch gezwungen, nicht nur nach einem, sondern gleich nach zwei vermeintlich passenden Motiven in unmittelbarer Nähe zueinander zu suchen. Ich kann bei meiner Olympus diese Einschränkung zwar umgehen, aber warum sollte ich? Gerade sie kitzelt mit ein bisschen Glück jenes zusätzliche Quäntchen Kreativität aus mir heraus, dass sich sonst so gerne tief in meinem Inneren auf die faule Haut legt und mir gelangweilt dabei zuschaut, wie ich mich uninspiriert abmühe.



Dabei sind solche Ausflüge in eine beinahe absichtslose, mehr improvisierende Art der Fotografie immer wieder meine Motivations-Booster. Dann fühle ich mich oft ein wenig wie der kleine Junge, der ich früher einmal war. Statt mir von meinen paar Groschen Taschengeld ein Eis oder ein Ahoj-Brausetütchen zu kaufen oder auch eine Packung Kaugummi, bevorzugt von der Marke „Der große Hubba-Bubba“, investierte ich nicht selten in eine jener verlockenden Wundertüten, bei denen man nie wusste, was sich in ihnen verbarg. Meistens schälte sich am Ende nur ein unbrauchbarer Kokolores aus der Tüte, aber manchmal eben auch etwas Tolles – zumindest in meinen staunenden Kinderaugen. Und genau diese Unwägbarkeit machte den Reiz aus.


visuelle Wundertüte
Heute bin ich erwachsen und kaufe schon lange keine Wundertüten mehr. Stattdessen erlaube ich meiner Kamera, mich hin und wieder zu überraschen: Was hat sie wohl dieses Mal auf den Sensor gebannt? Wieder nur gemischte Pixel? Oder vielleicht doch ein brauchbares Foto? Wobei man über die Qualität solcher Bilder ja durchaus völlig unterschiedlicher Meinung sein kann. Mir genügt es, wenn ich ein wenig Freude an den Aufnahmen habe. Ob sie sonst noch jemandem gefallen? Nun, das kann ich ja ohnehin nicht beeinflussen.


Immer dann, wenn ich es bei meiner Jagd mit der Kamera auf solche nur sehr begrenzt planbaren Doppelbelichtungen abgesehen habe, schwingt sich meine Ausschussquote zu argen Höhenflügen auf. Dann bin ich schon zufrieden, wenn sich zwischen ziemlich viel visueller Spreu auch mal das eine oder andere halbwegs gelungene Fotokörnchen versteckt. Aber selbst wenn nicht: Der Spaß war den erhöhten Ausschuss allemal wert.
