Goldener Herbst in Südtirol – Teil 2

Kommentare 0
Reisen

Zugegeben, bisher haben wir uns nicht gerade als die ambitioniertesten aller Bergwanderer erwiesen und wo immer möglich einen Teil unserer Wegstrecke bequem mit Hilfe eines Sessellifts oder einer Kabinenbahn zurückgelegt. Aber diese lasche Einstellung soll nun ein Ende haben. Ab sofort werden unsere Beine die ganze Arbeit übernehmen müssen. Um ehrlich zu sein: Bei der Auswahl unserer Ziele richten wir stets einen argwöhnischen Blick auf die zu bewältigenden Höhenmeter. Es sind ja nicht mehr in erster Linie die sportlichen Herausforderungen, die uns reizen. Wir wollen vor allem die herrliche Berglandschaft genießen. Früher war das mal ein wenig anders. Ob nun unsere zunehmende Weisheit oder doch eher die abnehmende Fitness zu diesem Umdenken geführt haben, das wollen wir gar nicht so genau wissen.

Falls du den ersten Teil noch nicht gelesen hast: bitte einfach auf den Button klicken.

Die Gilfenklamm

Ein Wildbach muss schon mit großen Kräften und über sehr lange Zeit an einem Berg schleifen und fräsen, damit eine gewaltige Klamm entsteht. Dem Ratschingsbach im gleichnamigen Tal ist das gelungen. Bis zu 15 Meter tief hat er sich in den weißen Marmor gefressen. Eindrucksvolle Zeugin dieses erdgeschichtlichen Vorgangs ist die Gilfenklamm, Europas einzige Marmorschlucht.

Im Tal ist der Ratschingsbach beinahe zahm.

Wir starten mit unserer Besichtigung unten im Tal. Hier gurgelt der Bach noch recht gemächlich durch eine beinahe liebliche Landschaft. Die versprochene Klamm lässt sich nicht einmal erahnen. Wir spazieren gemütlich am Ufer entlang und fragen uns, ob wir vielleicht auf einen Marketingtrick hereingefallen sind. Hat man uns hier etwa einen harmlosen Gebirgsbach nur deshalb als Klamm verkauft, um die 5 Euro Eintrittsgeld kassieren zu können? Aber nein, so etwas würden die Südtiroler Tourismus-Manager selbstverständlich nicht machen. Also schieben wir alle lästerlichen Gedanken beiseite und genießen die Landschaft. Mal schauen, was uns noch erwartet.

Wildromantisch, aber noch immer…
…keine Spur von einer Klamm.

Schon bald lassen erst einige wenige, dann immer mehr Stromschnellen erkennen, dass dieser Bach noch zu etwas ganz anderem in der Lage sein dürfte, als einfach nur dahinzuplätschern. Der Weg wird steiler und steiler, unser Atem geht schneller. Zum Glück kann niemand unser Keuchen hören, denn mittlerweile ist das Gurgeln des Baches erst zu einem lauten Rauschen, dann einem alles übertönenden Donnern angeschwollen.

Weiter oben ändert sich der Charakter von Bach und Landschaft.

Im Bachbett liegen jetzt immer mehr Äste, oft sogar ganze Bäume. Erstmals erhalten wir einen Eindruck davon, mit welch gewaltiger Kraft das Wasser hier zu Werke geht. Auch das Landschaftsbild ändert sich: Felswände, eben noch viele Meter entfernt und hinter den Büschen und Bäumen kaum zu sehen, rahmen unseren Weg nun immer enger ein.

Wir bekommen einen ersten Eindruck von der Kraft des Wassers.
mäßiges Foto – aber edles Gestein: der weiße Marmor der Gilfenklamm

Nur an wenigen Stellen kann man die weiße Farbe des Marmors sehen. Die Felswände sind größtenteils verwittert, wodurch ihre Oberfläche dunkel geworden ist. Wir müssen schon sehr genau hinschauen, um die Besonderheit zu erkennen. Übrigens wird das edle Gestein im Ratschingstal auch heute noch abgebaut.

Tosend stürzt das Wasser zu Tal.
Eng und enger wird die Klamm. Tief unten brodelt der Bach.

Endlich kommen wir in jenen Bereich der Klamm, wo es ohne Steiganlagen nicht mehr weiterginge. Welch eine mühevolle und gefährliche Arbeit es gewesen sein muss, diese ganzen Stege und Treppen auf wahrhaft abenteuerliche Weise über dem reißenden Gewässer an den Felswänden anzubringen. Welch ein Glück aber auch für uns! Nur so können wir die Klamm auch an ihren unzugänglichsten und wildesten Stellen erleben. Unter uns tost der Bach über unzählige Kaskaden zu Tal. Bei ohrenbetäubendem Lärm stehen wir da, spüren die feinen Tröpfchen der Gischt auf unserer Haut, schauen und staunen. Ein Naturerlebnis für alle Sinne – und ein Moment der Demut.

Die Gilfenklamm – seit 1896 für Besucher begehbar.

Abstecher ins Pflerschtal

Nach dem Besuch der Gilfenklamm fahren wir ins nahe gelegene Pflerschtal, das unser Reiseführer wegen seiner landschaftlichen Schönheit wärmstens empfiehlt. Allerdings werden wir es lediglich mit dem Auto erkunden. Wandern steht heute nicht mehr auf dem Programm. Wir müssen schließlich mit unseren Kräften haushalten. Einen Teil davon haben wir in der Gilfenklamm gelassen, den Rest werden wir morgen für unsere Runde um die Drei Zinnen noch dringend benötigen.

Unser Reiseführer hat nicht übertrieben. Wir genießen die Fahrt durchs Pflerschtal, an dessen Ende (das Tal erweist sich als eine Art Sackgasse) sich die grandiose Kulisse des Tribulaun vor uns erhebt. Leider habe ich mein ganzes fotografisches Pulver wohl schon in der Klamm verschossen. Obwohl wir mehrfach zu einem Fotostopp anhalten, will mir keine Aufnahme gelingen, mit der ich rundum zufrieden bin. Manchmal ist das einfach so – weiß der Teufel, warum.

Pflerschtal mit Blick auf den Tribulaun
Herbststimmung im Pflerschtal

Wanderung rund um die Drei Zinnen

Wir haben Glück. Der Wetterbericht verspricht ideales Bergwetter. Gut so, denn auf unserem Programm steht die berühmte Wanderung um die Drei Zinnen. Eigentlich wollten wir sie bereits in unserem letzten Urlaub in Südtirol angehen. Wegen des Wetters und auch, weil wir die Dauer der Anfahrt unterschätzt hatten, wurde damals nichts daraus. Das soll uns nicht noch einmal passieren. Da man in Südtirol besser nicht davon ausgehen sollte, ohne Stau ans Ziel zu gelangen, brechen wir deshalb bereits in aller Frühe auf.

Wir kommen dieses Mal jedoch besser als befürchtet voran und erreichen schon bald das Pustertal. Da können wir es uns kurz vorm Ziel sogar leisten, einen ungeplanten Stopp am Dürrensee einzulegen. Jetzt am Morgen herrscht noch Windstille, und die Wasseroberfläche ist wunderbar glatt. Ideale Voraussetzungen also, um wenigstens ein paar Aufnahmen vom See und den sich in ihm spiegelnden Bergen zu machen. Auch wenn ich mir dafür leider nicht viel Zeit nehmen konnte, bin ich mit den Ergebnissen doch ziemlich zufrieden.

Dürrensee – Blick auf die Ampezzaner Dolomiten mit Monte Piana

Weiter geht’s in Richtung Misurina. Von dort führt eine steile, mautpflichtige Straße zum Ausgangspunkt unserer Wanderung, der auf 2320 m gelegenen Auronzohütte. Leider wartet vor der Mautstation bereits eine lange Autoschlange. Die Abfertigung erfolgt offenbar bewusst langsam. Vermutlich will man auf diese Weise den Besuchern eine ungestörte Fahrt hinauf und oben dann eine unbedrängte Parkplatzsuche ermöglichen. Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns in Geduld zu fassen.

Nach etwa einer Dreiviertelstunde sind wir endlich an der Reihe. Vielleicht hat man uns auch nur deshalb so lange warten lassen, damit wir jetzt nahezu freudig die happige Maut von 30 Euro zahlen. Ich weiß leider nicht, wie verbreitet hier in der Gegend im Mittelalter das Raubrittertum war. Seine moderne Variante, nämlich das Mautrittertum, ist jedenfalls allgegenwärtig. Wartezeiten und Gebühren sind jedoch schnell vergessen, als wir oben bei der Auronzohütte aussteigen und das herrliche Panorama genießen.

Ausgangspunkt unserer Wanderung – die Auronzohütte
Berge soweit das Auge reicht

Wir wandern in Richtung Osten über einen breiten, leicht zu begehenden Weg, der uns schon bald zur Lavaredo-Hütte führt. Da wir auf dem weiteren Rundweg auch noch zur Drei-Zinnen-Hütte und zur Langalmhütte kommen werden, denkt ihr jetzt vielleicht, an Einkehrmöglichkeiten sollte es uns wahrlich nicht mangeln. Wir werden aber mit dem Wasser und den Müsliriegeln auskommen müssen, die wir selbst mitgebracht haben. So spät im Jahr sind nämlich alle Hütten bereits geschlossen.

Langsam ansteigend wandern wir auf der „falschen“ Seite der Drei Zinnen, also jener, die uns noch nicht den berühmten Blick auf diese Berggruppe bietet, hinauf bis zum Paternsattel, dem höchsten Punkt unserer Wanderung. Das heißt aber keineswegs, dass es von nun an nur noch bergab ginge. Weit gefehlt. Wir werden noch einige Male erst ein ordentliches Stück hinunter- und dann wieder hinaufwandern müssen. Diese ineffizente und schweißtreibende Art der Wegführung bezeichnet der Fachmann als die Freuden des Bergwanderns. Örtliche Tourismus-Manager sprechen eher von einer leichten, nahezu eben verlaufenden Genusswanderung. Nun, wir genießen schwitzend.

weniger bekannte Südseite der Drei Zinnen
Drei-Zinnen-Gruppe mit angrenzendem Paternsattel

Vom Paternsattel wandern wir zuerst eine Weile bergab. Schon von Weitem sehen wir die Drei-Zinnen-Hütte. Um zu ihr zu gelangen, müssten wir am Fuß des Paternkofels wieder ein Stückchen bergauf gehen, aber da die Hütten ja bereits geschlossen sind, sparen wir uns das.

Weg vom Paternsattel zur Drei-Zinnen-Hütte

Wir finden ein paar bequeme „Sitzsteine“, machen eine kleine Rast und genießen in aller Ruhe die herrliche Aussicht. Erst als wir uns daran so richtig sattgesehen haben, machen wir uns auf den Weg in Richtung Lange Alm. Wieder geht es ordentlich bergab und bergauf. Wir kommen erneut ganz schön ins Schwitzen, haben dafür aber einen wunderbaren Blick auf die Drei Zinnen, dieses Mal von der „richtigen“ Seite.

berühmte Ansicht der Drei Zinnen (Nordseite)
von links nach rechts: Kleine Zinne (2.857m), Große Zinne (2.998m), Westliche Zinne (2.973m)

Ganz zufrieden ist der Fotograf in mir nicht, denn leider steht die Sonne jetzt ungünstig hinter der berühmten Berggruppe. Nun, man kann eben nicht alles haben. Bei einem halbtägigen Rundweg beleuchtet die Sonne nun einmal nicht alle Wunschmotive stets ideal. Aber wir sind hier in erster Linie zum Wandern. Natürlich möchte ich nebenbei auch ein paar möglichst ordentliche Aufnahmen machen, keine Frage. Aber in diesem Urlaub steht das Fotografieren eben nicht im Mittelpunkt.

Wäre es anders, dann müsste ich die Wanderung mehrmals und zu unterschiedlichen Tageszeiten machen. Gar nicht zu reden von den verschiedenen Jahreszeiten und Wetterlagen. Das ist ja genau einer der Gründe, warum einheimische Naturfotografen gegenüber jenen, die eine Gegend nur kurz besuchen, praktisch immer im Vorteil sind.

Nicht nur der Blick auf die Drei Zinnen ist lohnend.
Langalmhütte vor der beeindruckenden Kulisse des Rautkofel

Als wir die Langalmhütte erreichen, die natürlich ebenfalls geschlossen ist, hat sich die Sonne schon ein ganzes Stück um die Drei Zinnen herumgeschoben. Ideal ist der Einfallswinkel zwar noch immer nicht, aber zumindest sorgt er jetzt für eine deutlich andere Lichtstimmung. Und nicht nur das. Plötzlich sind es – abrakadabra – mehr als nur drei Zinnen.

Ein letzter Blick auf die Drei Zinnen (wirklich nur drei?)

Wir suchen uns in der Nähe der Hütte ein hübsches Plätzchen für eine allerletzte Rast. Lange bleiben wir hier sitzen und lassen unsere Blicke schweifen. Zwar haben wir bis zu unserem Ausgangspunkt an der Auronzohütte noch ein Stück zu gehen, aber schon jetzt sind wir uns einig: Die Runde um die Drei Zinnen gehört sicher zu den schönsten Bergwanderungen, die wir je gemacht haben. Es gab anstrengendere Touren, steilere, technisch anspruchsvollere, längere und ganz sicher einsamere. Aber landschaftlich reizvollere? Wohl kaum.

Als wir dann unser Auto erreichen, steht die Sonne schon recht tief am Himmel. Der Bergwald, durch den wir wieder hinunter nach Misurina fahren, erstrahlt in allen Farben des Herbstes. Vor allem die vielen Lärchen leuchten mit ihren gelben, in der Sonne aber beinahe golden wirkenden Nadeln vor dem blauen Himmel, dass es nur so eine Pracht ist. Gleich mehrmals halten wir auf dem Weg nach unten an, um zu schauen, zu staunen und natürlich auch um zu fotografieren.

Herbstlicher Bergwald und schroffe Gipfel…
…streiten sich um die Hauptrolle.

Am unteren Ende der Mautstraße wartet dann noch der Lago Antorno (Antornosee) auf uns. Wie hübsch dieser kleine See doch ist, und wie malerisch er vor diesen schroffen Bergen wirkt. Wir können einfach nicht anders, als noch einmal auszusteigen und die gleichermaßen freundliche wie majestätische Szenerie – eigentlich ja ein Widerspruch – auf uns einwirken zu lassen. Ich mache hier ganz in Ruhe die letzten Fotos für heute, dann begeben wir uns auf den Heimweg zurück nach Kastelruth.

Während der Fahrt reden wir, ganz gegen unsere Gewohnheiten, kaum miteinander. Natürlich sind wir auch etwas müde, aber vor allem liegt es wohl daran, dass jeder für sich den Eindrücken des heutigen Tages ganz in Ruhe nachspüren möchte. Später dann, bei einem Glas Wein, werden wir das alles noch einmal gemeinsam Revue passieren lassen.

Lago Antorno vor der Cadini-Gruppe
Lago Antorno mit Blick zu den Drei Zinnen

Rundweg Laranz

Für unseren letzten Tag in Südtirol nehmen wir uns nur noch eine kleine Wanderung vor. Durch die Wiesen oberhalb von Kastelruth gelangen wir nach Telfen, den idealen Ort zum Einstieg in den Rundweg Laranz. Dieser sehr angenehm zu gehende, aber – bis auf eine Ausnahme – recht unspektakuläre Wanderweg führt uns durch Wiesen und Wälder. In weiten Bereichen gibt er den Blick zum Schlern, unserem majestätischen Hausberg, frei, von dem wir uns bei der Gelegenheit für dieses Mal verabschieden.

Ein letztes Mal wandern wir über Wiesen…
…und durch herbstlichen Bergwald.
im Hintergrund der Schlern

Unumstrittener Höhepunkt dieser Wanderung aber ist die ihren Namen völlig zu Recht tragende Königswarte. Den großartigen Ausblick über das Eisacktal bis weit hinüber zum Bozener Talkessel kann man durchaus als königlich bezeichnen. Aber auch als ganz normale Bergwanderer freuen wir uns über die phantastische Aussicht. Dabei kommen uns die hier aufgestellten Bänke natürlich außerordentlich gelegen. Lange bleiben wir auf einer sitzen, genießen die Herbstsonne und lassen unsere Blicke über die wunderschöne Landschaft schweifen.

Blick von der Königswarte

Den Nachmittag, unseren letzten in Kastelruth, verbringen wir dann noch einmal auf unserer Terrasse, wieder mit Tee und leckerer Kastanientorte. Und wieder schauen wir zum Ritten hinüber. Noch vor wenigen Tage haben wir dort oben gestanden, und das war nur einer der Höhepunkte dieses kleinen Urlaubs. Wir sind uns einig: Schön waren sie, unsere Tage in Südtirol.

Für den unwahrscheinlichen Fall, dass du den ersten Teil noch immer nicht gelesen haben solltest:

Schreibe einen Kommentar