Moor geht immer – sogar im Winter

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Natur

Ich liebe das Moor. Aber was nützt die größte Liebe, wenn man schon vor langer Zeit verlassen wurde? Von den einst riesigen Moorflächen sind ja nur noch jene kümmerlichen Reste übrig, die der Trockenlegung entgehen und dem Torfabbau trotzen konnten. Übrigens: Kümmerlich sind sie allein im Sinne von „viel zu klein“. Ansonsten beweisen ja gerade diese allzu spärlichen Überbleibsel, wie wertvoll auch die verschwundenen Moorlandschaften heute wären, wenn sie es nur geschafft hätten, den Spaten und Hacken der Torfstecher zu entgehen. Wahre Juwelen der Artenvielfalt – für immer verloren! Doch bei allem Kummer: Hadern sollten wir mit unseren Vorfahren dennoch nicht; sie handelten aus blanker Not. Freuen wir uns lieber darüber, in einem der wohlhabendsten Länder der Welt zu leben. Heute können wir es uns also leisten, die verbliebenen Restmoore endlich in Ruhe zu lassen.

Doch weit gefehlt: Auch heute noch fressen sich gewaltige Fräsen und Bagger durch diese gequälten Naturräume. Die Abbaumengen nehmen zwar kontinuierlich ab, aber noch im Jahr 2023 (neuere Zahlen konnte ich nicht finden) fielen ihnen 2,6 Millionen Tonnen Torf zum Opfer – und das nicht etwa weltweit, sondern allein in Deutschland. Welch ein Massaker an der Artenvielfalt! Unseren geliebten Gärten und Topfpflanzen können wir die Schuld daran übrigens nicht in die Schuhe schieben. Die lechzen längst nicht mehr nach Torf, denn inzwischen stehen ausgezeichnete Alternativen bereit. Oh nein, wir opfern die Lebensgrundlage so vieler Arten auf dem Altar der Profite. Dumm nur, dass wir dafür die Zukunft unserer Kinder verpfänden.

Genug gemeckert! Kommen wir zum Positiven: Die wenigen verbliebenen Restmoore sind ja allemal besser als nichts. Auch so manche wiedervernässte Abbaufläche lässt uns verwundert die Augen reiben. Wer hätte es für möglich gehalten, dass gerade dort wieder Pflanzen blühen und Vögel zwitschern, wo noch vor wenigen Jahren die Bagger regierten und nichts als pure Ödnis hinterließen? Damit ich hier nicht falsch verstanden werde: Haben wir ein Moor erst einmal zerstört, dann ist es für immer verloren – keine Wiedervernässung wird es uns je zurückbringen. Aber das eine oder andere Paradies aus zweiter Hand, das könnte uns ja vielleicht doch gelingen.

Paradies aus zweiter Hand

Der Internationale Naturpark Bourtanger Moor-Bargerveen ist auf dem besten Weg, ein solches Paradies zu werden. 2006 ins Leben gerufen, erstreckt er sich über weite Teile der westniedersächsischen Landkreise Emsland und Grafschaft Bentheim sowie der Provinz Drenthe im Osten der Niederlande. In früheren Jahrhunderten erschauerten die Menschen noch vor den verlorenen Seelen, die ihnen hier im Bourtanger Moor wohl auflauern mochten. Doch irgendwann überwanden sie ihre Furcht und begannen Torf ab- und Buchweizen anzubauen. Mühsam rangen sie dem nährstoffarmen Boden ein karges, ein entbehrungsreiches Leben ab – aber immerhin ein Leben!

Nach dem zweiten Weltkrieg änderte sich alles. Die Regierung schaute sich um nach Land, wo sie die vielen Flüchtlinge und Vertriebenen ansiedeln könnte. Sie fand es im dünn besiedelten Emsland. Zuerst reichte es bestenfalls, um gerade so eben über die Runden zu kommen, aber ganz allmählich besserte sich die Lage: Moderne Maschinen boten schon bald sowohl Neuankömmlingen wie auch Alteingesessenen willkommene Unterstützung beim Torfabbau. Es entwickelte sich eine Torfindustrie, und mit ihr nahm nach und nach auch die Wirtschaft insgesamt Fahrt auf.

Doch wir sollten – nein, wir müssen auch über die Kehrseite sprechen: Kaum mehr als ein paar Jahrzehnte dauerte es, dann war’s vollbracht: Das in Raum und Zeit geradezu unendlich scheinende Moor – einfach weggebaggert. Nur wenige kleine Reste konnten der Zerstörung entkommen. Eine ökologische Katastrophe! Aber das wusste damals noch niemand. Und als man es dann begriff, da wollte es keiner hören.

Von seinem enormen Wert für die Artenvielfalt mal ganz abgesehen: Ein intaktes Moor speichert auf gleicher Fläche weitaus mehr CO2 als jeder Wald. Wird unser Moor aber trockengelegt, dann haut es uns all das zuvor gebunkerte CO2 wieder um die Ohren. Rückgängig machen können wir die Zerstörung der Moore nicht, aber stoppen sollten wir sie schon; das wäre klug. Und wo es dafür zu spät ist, können wir zumindest den weiteren Ausstoß von CO2 verhindern. Das Zauberwort lautet: Wiedervernässung. Ich hatte es oben bereits erwähnt, aber steter Tropfen…

Im Internationalen Naturpark Bourtanger Moor-Bargerveen können wir schon heute die ersten Erfolge einer solchen Wiedervernässung besichtigen. Nicht die Sache mit dem CO2 natürlich, denn dieses Treibhausgas ist ja nun mal unsichtbar. Aber etwas anderes dürfen wir bestaunen: Wo hätten wir die Natur verbissener bekämpft, wann über sie einen größeren Sieg errungen, als hier im Moor? Ausgerottet haben wir sie mit Stumpf und Stiel. Doch kaum beenden wir unseren sinnlosen Kampf, da verzeiht sie uns alles, kehrt zurück und blüht beinahe schöner auf denn je. Ungeschehen wird dadurch nichts gemacht, aber es ist doch immerhin ein Hoffnungsschimmer.

Ein Wintertag im Bargerveen

Meine Lieblingslandschaft im Naturpark ist das Bargerveen auf der niederländischen Seite. Es hat jede Menge Motive zu bieten, von lieblich bis herb, von romantisch bis bizarr. Genau diese Vielfalt lockt mich immer wieder an. Zu allen Jahreszeiten war ich dort schon auf Fotopirsch.

Zu allen? Stimmt ja gar nicht! Der Winter fehlt mir noch in meiner Moorfotosammlung. Genauer gesagt: Er fehlte bisher. Das habe ich nun endlich nachgeholt. Dafür hatte ich mir sogar extra einen Plan zurechtgelegt. Ihr wisst, zu so etwas lasse ich mich nur sehr selten hinreißen. Hier aber wollte ich mal auf Nummer sicher gehen. Und so sah er aus, mein wohldurchdachter Plan:

  • frühe Anreise zum Bargerveen
  • erster ausgedehnter Fotorundgang bei noch recht tief stehender Sonne
  • Pause zum Aufwärmen und zur Überbrückung des harten Mittagslichts in einem netten Café
  • zweiter Fotorundgang im warmen Nachmittagslicht
  • letzte Aufnahmen zur blauen Stunde

Jetzt galt es nur noch, eifrig die Wettervorhersage zu studieren: Kalt und trocken sollte es sein – und gerne dürfte es in der Nacht zuvor auch geschneit haben. In der zweiten Februarwoche war es dann so weit, bis auf den Schnee sollte alles passen. Ich machte mich fröhlich pfeifend auf den Weg. Ob mein Lieblingsmoor mich wohl auch im Winter begeistern könnte?

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich hatte meine Rechnung leider ohne die launischen Wettergötter gemacht. War es am früheren Vormittag noch sonnig, so zogen schon bald die ersten Wolken auf. Es dauerte dann auch nicht mehr allzu lange, bis sich der Himmel komplett zugezogen hatte. Bald war ich mir ganz sicher, dass spätestens am Nachmittag auch noch Regen hinzukäme. Also strich ich die geplante Mittagspause und blieb einfach so lange im Moor, wie das Wetter halbwegs mitspielte. Früher als geplant stapfte ich dann sicherheitshalber zurück zum Auto. Immerhin konnte ich auch ein Gewitter nicht ausschließen, und das sollte mich wohl besser nicht gerade im Moor erwischen. Ganz so dick kam es zwar nicht, aber kaum war ich bei meinem Fahrzeug angekommen, da schwoll der erste zaghafte Nieselregen zu einem veritablen Schauer an. Punktlandung.

Da ihr das Ende der Geschichte ja nun schon kennt, spule ich jetzt wieder zurück an den Anfang: Als ich am Vormittag am Bargerveen eintraf, da schien es mir beinahe so, als könne sich der nahezu verwaiste Parkplatz ein gelangweiltes Gähnen nur mit Mühe verkneifen. So wenige Besucher habe ich hier zu anderen Jahreszeiten noch nie erlebt. Nun, mir sollte es recht sein.

Es sind nur wenige Schritte vom Parkplatz bis ins Moor, aber sie fühlen sich an wie der Übergang in eine andere, eine verwunschene Welt. Und weit und breit ist niemand, der meine Einsamkeit hätte stören, die Stille durchbrechen können. Alle paar Meter bleibe ich stehen, verharre still, schaue, genieße, lasse mich nur allzu gern gefangen nehmen vom spröden Charme dieser Landschaft.

Bei halbwegs winterlichen Temperaturen um den Nullpunkt herum taut das Eis auf den über Nacht zugefrorenen Wasserflächen am Tag kaum auf. Gute Voraussetzungen also, um diese besondere Winterstimmung im Bild festzuhalten, auch wenn nur noch wenig Schnee die Landschaft bedeckt. So wie heute habe ich das Moor noch nie fotografiert.

Mag ich die neuen Aufnahmen nun lieber als jene, die ich zu anderen Jahreszeiten hier gemacht habe? Nein. Es sind ja auch nicht unbedingt bessere Bilder geworden – aber andere. Auf jeden Fall ergänzen und erweitern sie meine Sammlung. Irgendwann werde ich gewiss einmal ein Fotobuch zum Thema „Moor“ drucken lassen. Schließlich sollen die Bilder nicht in einer dunklen Ecke meiner Festplatte vergammeln. Wenn es soweit ist, werden ganz sicher auch eine oder zwei Aufnahmen von heute dabei sein und mich an einen herrlichen Wintertag im Bargerveen erinnern, der so ganz und gar nicht nach Plan verlaufen ist.

2 Kommentare

  1. Lieber Thorwald
    Absolut super Bilder mit einem für mich sehr angenehmen Text über die Geschichte der Moore

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