Wer mich auf ebenso elegante wie perfide Weise verärgern möchte, für den habe ich einen absolut sicheren Tipp: Er möge mir einen Wellness-Urlaub schenken. Elegant wäre das, weil ein solches Geschenk ohne Frage als ausgesprochen großzügig anzusehen wäre. Perfide, weil ich mich dementsprechend dankbar zeigen müsste für etwas, das in meinen Augen jenen Qualen ziemlich nahe käme, wie sie einst dem überheblichen Tantalos von den Göttern auferlegt wurden.

So wie ihm, dem sich, obwohl hungrig und durstig, die über ihm hängenden Früchte und das unter ihm fließende Wasser stets entzogen, sobald er sich an ihnen laben wollte, so würde bei mir jegliches Wohlbehagen in jenem Moment entschwinden, in dem man mir mit Massageölen, Klangschalen oder heißen Steinen zu Leibe rückte.

Dabei habe ich überhaupt nichts gegen Wellness, ganz und gar nicht. Allerdings stelle ich mir darunter etwas völlig anderes vor: Weder brauche ich dafür ein schniekes Hotel noch irgendwelche zweifelhaften Anwendungen im dortigen Spa. Meine persönliche Wellness-Oase finde ich ohne alles esoterische Brimborium, seien es nun Bachblüten, Räucherstäbchen oder Kraftsteine, ganz einfach draußen in der Natur.

Wenn es um die Frage geht, wie ein zufriedenes Leben gelingen kann, stehen bei den Experten – und damit meine ich keine hippen Lifestyle-Influencer mit Dollarzeichen in den Augen – die folgenden Empfehlungen stets sehr weit oben auf der Liste:
- neue Erfahrungen machen
- Zeit in der Natur verbringen
- ein kreatives Hobby ausüben
- gute echte (nicht virtuelle) soziale Beziehungen pflegen

Na also, da bin ich doch mit meinem altmodisch anmutenden Hobby Naturfotografie gar nicht mal so schlecht aufgestellt: Es treibt mich regelmäßig und bei nahezu jedem Wetter in die Natur hinaus, wo ich fast immer irgendwann das erlebe, was man heute meist als kreativen „flow“ bezeichnet. Nebenbei lerne und erfahre ich dabei wieder jede Menge Neues über Flora und Fauna meiner Heimat oder des jeweiligen Reiseziels.

Damit sind dann schon mal die ersten drei der vier Punkte abgedeckt. Bliebe noch die Sache mit den sozialen Kontakten. Jene redseligen Spaziergänger, die wissen wollen, ob meine Kamera denn auch gute Bilder macht, zählen da wohl kaum. Aber wer weiß, vielleicht trete ich eines Tages ja einem Fotoclub bei. Dann könnte ich sogar hinter den letzten verbliebenen Punkt einen Haken setzen.

Wenn von Kreativität die Rede ist, dann denkt man vermutlich zuerst einmal an solche Hobbys wie Malen, Töpfern oder Musizieren. Aber selbstverständlich ist auch jede Art von Fotografie eine kreative Beschäftigung, solange sie über reine Schnappschüsse hinausgeht. Und ja, das trifft auch dann zu, wenn die eigenen Bilder meilenweit davon entfernt sind, in Museen ausgestellt zu werden.


Nehmen wir zum Beispiel einfach mal die Fotos in diesem Blogbeitrag. Sie alle sind auf Spaziergängen direkt vor meiner Haustüre entstanden in den wenigen Tagen, an denen – oh Wunder – tatsächlich auch bei uns im Münsterland mal wieder ein wenig Schnee gefallen ist. Keines dieser Bilder wird in die Kunstgeschichte eingehen oder jemals eine Galerie von innen sehen. Aber darum geht es mir auch gar nicht. Sehr viel wichtiger ist etwas ganz anderes, nämlich überhaupt draußen gewesen zu sein und fotografiert zu haben. Lasst es mich erklären:

Zuerst einmal bezweifle ich, ob ich ohne Kamera bei dem zum Teil recht unwirtlichen Wetter überhaupt vor die Tür gegangen wäre. Mit ihr aber war ich nicht einfach nur draußen, sondern ich habe die winterliche Natur auch viel intensiver wahrgenommen. Erklären kann ich das zwar nicht so richtig, aber es ist einfach eine Tatsache, dass ich immer weitaus genauer hinschaue, wenn ich meine Kamera dabeihabe. In solchen Fällen bemerke ich gar nicht, wie die Zeit vergeht; weder mein Rücken noch die Füße wagen es, sich über die ihnen zugemuteten Anstrengungen zu beklagen. Selbst Kälte und Nässe können mir dann nichts anhaben – zumindest fühlt es sich so an.

Kurz gesagt: In solchen Momenten bin ich komplett im Hier und Jetzt, vergesse alles andere um mich herum, bin ganz auf meine Motive konzentriert – und das zum Glück völlig unabhängig von der Qualität der Aufnahmen, die dabei herauskommen. Natürlich freue ich mich, wenn sich die Ergebnisse sehen lassen können, überhaupt keine Frage. Aber diese Minuten oder gar Stunden des selbstvergessenen Fotografierens bleiben ja auch dann eine wohltuende kreative Auszeit, wenn es am Ende mal wieder nur für ein paar bestenfalls durchschnittliche Bilder gereicht hat.


So sehr ich es schätze, draußen in der Natur zu sein: Vielleicht ist mir die Gelegenheit, mich dabei mit meiner Kamera (zumindest in meinen bescheidenen Grenzen) kreativ zu betätigen, sogar noch ein kleines bisschen wichtiger als das pure Naturerlebnis. Darauf könnte vielleicht die Begeisterung hindeuten, mit der ich meine Aufnahmen zu Hause am Rechner in Lightroom sorgfältig entwickle und nachbearbeite. Auch das ist ja ein kreativer Prozess – und ich genieße ihn.


Was für viele Naturfotografen eher ein Fluch zu sein scheint, eine lästige, aber leider unvermeidbare Notwendigkeit, macht mir tatsächlich ausgesprochen viel Freude. Ich mag es einfach, wenn ein Foto von Bearbeitungsschritt zu Bearbeitungsschritt meiner Erinnerung daran, wie ich die Szene draußen erlebt habe, immer näher kommt, bis es am Ende meiner Vorstellung so gut wie nur irgend möglich entspricht.

Falls es zutrifft, dass Zeit in der Natur zu verbringen, ebenso wie jede Art von kreativer Betätigung das eigene Wohlbefinden steigern, dann dürfte es wohl kaum ein besseres Wellness-Programm geben als die Naturfotografie. Bei mir klappt es jedenfalls ganz ausgezeichnet – und das zum Glück ohne jedes Entspannungs-Gedöns in Tateinheit mit ätherischen Ölen und noch weit ätherischeren Sphärenklängen. Das alles brauche ich nicht. Stattdessen freue ich mich jetzt schon auf meine nächste Fotokur … ääähh … ich meine natürlich Fototour.
