schöner Falter im Schmetterlingshaus Hamm

Was genau ist eigentlich Naturfotografie?

Kommentare 0
Schmökern

Zugegeben, diese Frage mag gerade in einem Naturfotografie-Blog ein wenig merkwürdig klingen. Nun, auch für mich war die Sache bisher immer völlig klar: Wenn ich hinausgehe in die Natur und dort fotografiere, was mir vor die Linse kommt, dann ist das Naturfotografie. Punkt. Was könnte daran denn auch unklar sein? Aber eben weil Glaslinsenspiel nun einmal ein Blog zum Thema Naturfotografie ist, schien es mir schon notwendig zu klären, welche Fotos denn nun hineingehören und welche nicht. Und siehe da, plötzlich war die Antwort gar nicht mehr so eindeutig. Ich hab‘ hier mal ein paar der Fragen aufgelistet, die mich doch ein wenig ins Grübeln gebracht haben:

  • Gibt es in einem Land wie Deutschland überhaupt noch so etwas wie echte Natur?
  • Sind Bilder von Tieren, die ich in ihrem Verhalten beeinflusst habe (z.B. durch meine Fütterung angelockte Vögel) noch echte Naturfotos?
  • Und was ist mit Tieren in Zoos und Wildgehegen, mit exotischen Faltern im Schmetterlingshaus?
  • Dürfen in einem Naturfoto auch Zeichen menschlichen Einflusses erkennbar sein?
  • Gehören angepflanzte Blumen in einem Garten oder Park zur Natur, auch solche, die sich an dieser Stelle niemals auf natürlichem Weg angesiedelt hätten?
  • Wie sieht es mit landwirtschaftlich genutzten Flächen aus?
  • Ist ein Schnappschuss von einem Yeti auch dann noch ein Naturfoto, wenn Reinhold Messner mit drauf ist?

Nehmen wir doch mal das Bild oben über diesem Artikel. Da sitzt ein Schmetterling auf einer Pflanze. Auf den ersten Blick alles bestens. In der Natur pflegen Schmetterlinge nun einmal auf Pflanzen zu sitzen. Also handelt es sich eindeutig um ein Naturfoto, nicht wahr? Nun, ganz so einfach ist die Sache nicht. Aufgenommen habe ich dieses Foto im Schmetterlingshaus im Maximilianspark in Hamm. Und Schmetterlingshäuser, weder in Hamm noch sonst irgendwo, dürften zu den natürlichen Habitaten dieser fotogenen Falter gehören.

Auch bei den folgenden Bildern kann man – aus unterschiedlichen Gründen – in Frage stellen, ob es sich dabei tatsächlich um Naturfotos handelt. Eindeutig beantworten lässt sich das meiner Ansicht nach aber in keinem der Beispiele.

Wie viel menschlicher Einfluss darf in Naturfotos erkennbar sein?

alte Trockensteinmauer in Schottland
Auch diese wunderschöne Trockensteinmauer wurde einst von Menschen geschaffen
Wimbachklamm
tolle Klamm, aber leider (wirklich leider?) mit Steg
Dolomiten Misurinasee Blick auf Drei Zinnen
Stört dieses Gebäude in einem Naturfoto oder gehört es dazu?

In allen drei Bildern oben sind die Spuren der Zivilisation unübersehbar. Aber mal ehrlich, wo in Mitteleuropa können wir denn noch völlig unberührte Natur finden? In den meisten Fällen werden wir wohl mit Kompromissen leben müssen. Auch so wunderschöne „Naturlandschaften“ wie die Lüneburger Heide wären ohne uns Menschen niemals entstanden. Die Trennung wird also immer unscharf bleiben. Ob wir wollen oder nicht.

Natürlich können wir uns bemühen, die zivilisatorischen Einflüsse in unseren Fotos möglichst nicht sichtbar werden zu lassen. Ein paar Meter nach links oder rechts, dann den Busch im Vordergrund geschickt einbeziehen, jetzt noch ein wenig in die Knie gehen – und schon hat man das störende Gebäude ausgeklammert. Wenn mir das Bild so besser gefällt, warum nicht? Aber ist es dann ein ehrlicheres, echteres Naturfoto?

In den drei Bildern unten sehen wir Vögel in einer Umgebung, die wohl beim besten Willen kaum mehr als Natur zu bezeichnen ist. Aber sie haben es sich eben selbst so ausgesucht. Ich sehe deshalb keinen Grund, solche Fotos aus einem Naturfotografie-Blog auszusperren.

Heringsmöwe
Heringsmöwe in wenig natürlichem, aber selbst gewähltem Umfeld
Mehlschwalbennester an blauer Hauswand
Mehlschwalbennester an einer malerischen, aber nun einmal von Menschen errichteten Hauswand
Kraniche mit Jungem im Maisfeld
Kraniche lieben Maisfelder. Intensivlandwirtschaft oder Natur?

Können Bilder aus Zoos und Wildgehegen Naturfotos sein?

Wie aber sieht es nun mit Fotos von Tieren in Zoos und Wildgehegen oder mit Pflanzen in Gärten und Parks aus? Hier wird es dann schon eher problematisch. Ich glaube nicht, dass man in diesen Fällen noch von Naturfotografie sprechen kann. Ausschließen möchte ich solche Bilder aber dennoch nicht von diesem Blog. Sie zu zeigen, ohne auf ihre Entstehung hinzuweisen, erschiene mir aber doch zumindest als Irreführung. Mein Kompromiss: Ich werde im Artikel oder in der Bildunterschrift deutlich machen, wo diese Fotos aufgenommen wurden.

Kiebitz
So ein Kiebitz-Foto gelingt auch in der Natur. Dieses Bild entstand aber im Naturzoo Rheine.
Erdmännchen
Erdmännchen im Burger’s Zoo, Arnhem, NL

Was ist, wenn das Verhalten von Tieren beeinflusst wurde?

Oftmals ist es leichter, frei lebende Tiere zu fotografieren, wenn man mal mehr, mal weniger in die natürlichen Abläufe eingreift. Da wird dann vor einer Beobachtungshütte ein totes Schaf ausgelegt, um Geier in aller Ruhe fotografieren zu können. Oder jemand wirft Fische von einem Boot ins Wasser, und schon kommen seine zahlenden Gästen zu herrlichen Bildern von Seeadlern beim Beutegreifen.

Aber so weit muss man gar nicht gehen. Auch wenn wir in unserem Garten oder auf dem Balkon Futter für unsere gefiederten Freunde auslegen, ergeben sich damit für uns Fotogelegenheiten, die wir ohne die Fütterung nicht hätten. Wir beeinflussen also das Verhalten wild lebender Tiere und gelangen auf diese Weise leichter an Fotos.

Die beiden Bilder unten sind an unserem Gartenteich entstanden. Natürlich wäre es kein Problem, Fotos von so einem häufig anzutreffenden Vogel wie der Amsel auch in der freien Natur zu machen. Aber hier wurden die Amseln nun einmal angelockt von dem (zwar recht natürlich wirkenden, aber dennoch künstlich angelegten) Teich und der sich in der Nähe befindlichen Fütterung.

Ich halte es in solchen Fällen wie bei Fotos aus Zoos und Wildgehegen: ein kleiner erläuternder Text, um jede Irreführung auszuschließen.

Amsel am Teich
Unser Gartenteich dient vielen Vögeln als Tränke…
badende Amsel am Teich
…und als sehr willkommene Badestelle.

Wieviel Bildbearbeitung ist in der Naturfotografie erlaubt?

Noch etwas schwieriger scheint mir die Frage nach der zulässigen Bildbearbeitung zu sein. Zu Zeiten der analogen Fotografie bedurften die Filme einer Entwicklung im Labor. Heute entwickeln wir unsere so genannten Raw-Bilder. Diese Entwicklung geschieht entweder bei der Nachbearbeitung am Computer (so mache ich es) oder direkt in der Kamera. Es findet also in jedem Fall eine Nachbearbeitung statt. Das ist absolut unvermeidlich. Nur entscheidet im ersten Fall der Fotograf, wie das Bild am Ende aussehen soll. Im zweiten Fall trifft die Kamera die Entscheidung (bzw. der Softwareentwickler, der ihr dieses Kunststückchen beigebracht hat). Das ist dann so ähnlich wie früher, als man seine Filme zum Großlabor schickte und dann eben mit den Abzügen zufrieden sein musste, die man von dort bekam.

Ich möchte mit meinen Bildern beim Betrachter möglichst viel von der Stimmung vermitteln, die mich veranlasst hat, das Foto zu machen. Damit dies gelingt, ist es meiner Ansicht nach ganz ähnlich wie im Theater: Ein wenig muss man übertreiben, damit es beim Publikum ankommt. Schlechte Schauspieler machen da meist zu viel. Dann wirkt es unecht und einfach falsch. Ersetze „Schauspieler“ durch „Bildbearbeiter“, und du triffst es ziemlich genau.

La Palma Abendhimmel
Kein Produkt heftiger Bildbearbeitung; so unwirklich sah der Himmel tatsächlich an jenem Abend aus.

Es kommt aber noch eine weitere Schwierigkeit hinzu: Ich bin mir oft gar nicht mehr so sicher, ob mir meine Erinnerung nicht vielleicht einen Streich spielt. Lasst mich das am Beispiel eines Fotos erläutern, das zum großen Teil von seiner Lichtstimmung lebt. Als ich es am frühen Morgen am Strand von Juist gemacht habe, war ich erfüllt von dem Gefühl der Ruhe, der Weite, den sich im Wasser spiegelnden Farben des Himmels. Heute könnte ich aber nicht mehr sagen, ob eine der Bearbeitungsvarianten unten die tatsächlich erlebte Situation korrekt wiedergibt – und falls ja, welche das ist.

Im Grunde bleibt mir also gar nichts anderes übrig, als das Bild so zu bearbeiten, wie ich die Situation in Erinnerung (die falsch sein kann) habe. Oder ich entscheide einfach danach, was mir am besten gefällt. Dann kann das Ergebnis durchaus ein Stück von der Realität abweichen, gewollt oder ungewollt. Ich finde das auch ganz in Ordnung so. Übertriebene Bearbeitungen mag ich jedoch nicht. Aber nicht jeder wird die Grenze zwischen gelungener und übertriebener Bearbeitung genau da ansetzen, wo ich sie sehe.

Sonderfall Schwarzweißfotografie

Übrigens habe ich eine der stärksten Manipulationen bisher noch gar nicht erwähnt – und da geht es wahrlich nicht nur um Farbnuancen. Da werden die Farben mit Stumpf und Stiel entfernt. Radikaler geht’s kaum. Und kein Mensch regt sich auf. Wieso schreit hier eigentlich niemand laut „Fälschung“? Warum fragt in diesem Fall keiner, ob es sich dabei noch um ehrliche Naturfotografie handelt?

Die Antwort ist einfach: Weil es ganz und gar lächerlich wäre, die altehrwürdige und völlig zu Recht hoch geschätzte Schwarzweißfotografie der Manipulation zu bezichtigen, nur weil sie die Farben der Natur in Grautöne umwandelt. Schließlich gab es sie ja schon, als man von Farbfotografie nur träumen konnte. Sie hat über viele Jahrzehnte die Sehgewohnheiten geprägt. Deshalb sagt auch niemand ein böses Wort gegen Schwarzweißfotos.

Ob das aber auch so wäre, wenn Schwarzweißbilder etwas gänzlich Neues darstellten? Etwas das erst vor kurzem technisch möglich gemacht wurde durch eine innovative Funktion in Photoshop? Oder gäbe es in dem Fall auch einen Aufschrei der Traditionalisten? Würden sie dann diese neumodischen Unsitte verurteilen als völlig übertriebene und gänzlich überflüssige „Photoshopperei“?

Schottland Isle of Skye
Schwarzweißfoto – geduldete, oftmals sogar geliebte Manipulation

Wie gesagt, so ganz eindeutig ist es gar nicht, wann man wirklich von einem echten, ehrlichen Naturfoto sprechen kann und wann nicht mehr. Ich möchte die Grenzen nicht so eng ziehen, dass sie uns den Spaß an der Naturfotografie rauben. Bis zur völligen Beliebigkeit ausdehnen mag ich sie aber auch nicht.

Apropos Grenzen ausdehnen: Fotocollagen verlassen meiner Ansicht nach ganz eindeutig den Bereich der Naturfotografie. Also wird es hier im Blog keine Bilder geben, deren Inhalt aus Elementen verschiedener Fotos zusammengebastelt wurde. Ich meine hier so etwas wie: Himmel aus Foto 1, Berg aus Foto 2, Steinbock aus Foto 3. Zweifellos haben solche Collagen ihre Berechtigung; im besten Fall können sie sogar faszinierende Kunstwerke sein. Aber es handelt sich dann eben auch wirklich um Kunst und nicht um Naturfotografie.

Was aber ist mit dem Gegenteil, also dem nachträglichen Entfernen von Bildelementen? Nun, ich sehe kein größeres Problem darin, das Schokoriegelpapier, das ich vor Ort leider übersehen habe, in der Bearbeitung weg zu stempeln. Wesentlich weiter würde ich aber nicht gehen wollen.

Übrigens: Meiner Ansicht nach gilt das, was ich über das Hinzufügen und Entfernen in der Nachbearbeitung geschrieben habe auch in gleicher Weise vor Ort. Ich könnte ja auch vor dem Fotografieren Dinge im Bild platzieren, z.B. bunte Herbstblätter sammeln und auf einen von Algen grün gefärbten Stein im Bachbett legen. Das sieht dann schon ziemlich gut aus. Oder ich könnte Dinge, die mich stören, aus dem Bild herausnehmen, z.B. verwelkte Blumen rund um jene, die ich ins Bild setzen möchte, ausreißen. Das ist meiner Ansicht nach dann aber keine Naturfotografie mehr. Abgesehen davon sollten gerade wir Naturfotografen selbstverständlich ohnehin keine Pflanzen ausreißen.

Wo liegen die Grenzen der Naturfotografie – mein Fazit:

  • Naturfotos lassen sich nicht eindeutig abgrenzen.
  • An Kompromissen führt deshalb nun einmal kein Weg vorbei.
  • Glaslinsenspiel ist ein Naturfotoblog, keine Naturdokumentation. Deshalb werden die Grenzen hier nicht allzu eng gefasst.
  • Im Zweifel steht im Text, unter welchen Umständen ein Foto entstanden ist.
  • Wurden allerdings die Inhalte eines Fotos durch Hinzufügen oder Entfernen mehr als unwesentlich verändert, dann gehört ein solches Bild nicht in diesen Naturfotoblog.
  • Dies gilt auch, wenn Dinge vor dem Fotografieren platziert oder entfernt wurden.

Wie seht ihr die Sache? Wo sind für euch die Grenzen der Naturfotografie? Gehören die (bewusst grenzwertig ausgewählten) Bilder in diesem Beitrag aus eurer Sicht noch dazu oder nicht?

Auf eure Meinung in den Kommentaren bin ich mehr als gespannt.

Schreibe einen Kommentar