Naturfotografie in den Rieselfeldern Münster

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Schmökern

Den folgenden Rat habe ich oft gehört und mit voller Überzeugung auch schon häufig weitergegeben: Jeder halbwegs ernsthafte Naturfotograf tut gut daran, sich in der näheren Umgebung seines Zuhauses nach besonders geeigneten Locations (ja, so nennt man das heute) für sein Hobby umzusehen. Die sollte er dann immer wieder einmal zu verschiedenen Jahreszeiten und unter den unterschiedlichsten Wetter- und Lichtbedingungen aufsuchen. So weit, so gut.

Für mich sind die ehemaligen Rieselfelder der Stadt Münster einer dieser Orte. Sie gehören in meiner näheren Umgebung zu den ergiebigsten Arealen, wenn es um die Tier-, speziell die Vogelfotografie geht. Das bedeutet aber keinesfalls, jeder Fotoausflug dorthin sei von Erfolg gekrönt. Ich habe dies erst gestern erneut erfahren müssen, als mein überaus zuvorkommendes Angebot an die Vogelwelt, sie in ansprechenden Fotos zu dokumentieren, wieder einmal nicht hinreichend gewürdigt wurde. Offenbar befand man es keinesfalls für nötig, mir auch nur im Mindesten entgegenzukommen. Und das meine ich wörtlich: Nahezu alle Federkleidbesitzer hielten einen Sicherheitsabstand zu mir ein, als ob ich das Kochbuch „Leckere Geflügelgerichte“ unterm Arm trüge. Aber vielleicht sollte ich besser der Reihe nach berichten:

Gans elegant
Das Graugansgeschwader hebt ab.

Eine „Kläranlage“ macht Karriere

Man spricht hier im Münsterland noch immer von den Rieselfeldern. Geschaffen vor rund 120 Jahren zur Abwasserentsorgung der Stadt Münster, sind sie allerdings inzwischen längst zu einem bedeutenden Europareservat für Wat- und Wasservögel geworden. Ein kurzer Rückblick:

Das ursprüngliche Waldgebiet im Norden der Stadt Münster verarmte in früheren Zeiten durch Übernutzung in Form von Viehwirtschaft und Holzeinschlag, wodurch es zu einer recht kargen Heidelandschaft wurde. Diese erlebte ein kurzes Intermezzo als Übungsgebiet für das preußische Militär, bevor man hier um 1900 herum die bis heute namengebenden Rieselfelder anlegte. Mittels einer Druckrohrleitung wurden die Abwässer der Stadt in dieses Gebiet befördert, um dort dann verrieselt zu werden. Die Münsteraner schlugen auf diese Weise gleich fünf Fliegen mit einer Klappe: Neben der Entsorgung der Abwässer (Fliege Nr. 1) und ihrer anschließenden Klärung (2) erreichte man auch eine Düngung der kargen Heideböden (3), so dass fortan Kleinpächter hier Getreide und Gemüse anbauen sowie Milchvieh halten konnten. Mit dem Verkauf ihrer Produkte verschafften sie sich einen bescheidenen Lebensunterhalt (4) und trugen zur Versorgung der Bürger der Stadt (5) bei.

Kiebitze, woanders immer seltener anzutreffen, sieht man hier noch häufig.

Das im Wechsel den verschiedenen Rieselfeldern zugeführte Abwasser sorgte für ihre zeitweilige Überflutung. Ein Teil verdunstete, der Rest sickerte langsam durch die obere sandige Bodenschicht, welche die festen Bestandteile herausfilterte. Das auf diese Weise geklärte Wasser gelangte dann durch unterirdische Drainagen und Ableiter in die nahe gelegenen Flüsse Münstersche Aa und Ems.

Die zunehmende Einwohnerzahl Münsters erforderte eine immer weitere Ausdehnung der Verrieselungsfläche, die dann aber Anfang der 60er Jahre an ihre naturräumliche Grenze stieß. Man ging deshalb dazu über, die Flächen ganzjährig zu berieseln, sie also nicht nur von Zeit zu Zeit wie bisher, sondern ständig unter Wasser zu setzen. Die dadurch entstehenden Flachwasser- und Schlammbereiche boten vielen Vogelarten einen neuen Lebensraum. Für zahlreiche seltene oder gar gefährdete Arten war dies ein Glücksfall, da woanders gerade solche Biotope mehr und mehr zugunsten von Acker- oder Bauland der Vogelwelt für immer verloren gingen.

Streifengänse gehören zu den nicht so häufig anzutreffenden Arten.
Offenbar vertragen sie sich prächtig mit den hier längst heimisch gewordenen Kanadagänsen.

1975 nahm die Stadt Münster eine moderne Großkläranlage in Betrieb, wodurch die Rieselfelder nicht mehr benötigt wurden. Das Gebiet sollte trockengelegt werden, um dann an dieser Stelle ein Industrie- und Gewerbegebiet zu errichten. Nur dem großen Engagement von Naturschützern und ihrem Widerstand gegen diese Pläne ist es zu verdanken, dass ein erheblicher Teil der Rieselfelder für die Vögel erhalten blieb. Diese Fläche wurde später, als man sich ihres Wertes auch in der Politik bewusst wurde, sogar noch mehrmals erweitert.

Heute ist das Gebiet der ehemaligen Rieselfelder als Naturschutzgebiet, als Flora-Fauna-Habitat (FFH) und als Europäisches Reservat für Wat- und Wasservögel gleich mehrfach geschützt. Zur Besucherlenkung wurde ein Teil mittels bequem begehbarer Wege, mehrerer Beobachtungshütten und sogar eines Aussichtsturms zu einem lohnenden Naturerlebnisgebiet umgestaltet. Dieser Bereich ist jederzeit für Besucher zugänglich, während die Mehrzahl der ehemaligen Rieselfelder ganz den Vögeln als Rückzugsgebiete vorbehalten sind. Die Balance zwischen den Interessen der Menschen und denen der Tiere scheint hier zum beiderseitigen Wohl ziemlich gut gelungen zu sein. Insgesamt kann man sicher ohne Übertreibung sagen, dass in Münster ein wertvoller Lebensraum für unzählige Wat- und Wasservögel entstanden ist. Die Fachleute nennen so etwas einen Ersatzlebensraum. In meinen Augen ist es nicht mehr und nicht weniger als ein kleines Paradies von Menschenhand.

Ach übrigens: Früher mag es in den Rieselfeldern wohl ziemlich übel gerochen haben; heute muss sich davor aber ganz sicher niemand mehr fürchten.

Auch die Weißstörche fühlen sich hier wohl.

Mach Pläne, wenn du die Götter zum Lachen bringen willst

An jedem zweiten Freitag erscheint hier im Glaslinsenspiel ein neuer Beitrag. Ihr wisst das; ich weiß das. Und dennoch: Keine Ahnung warum, aber immer wieder einmal erwischt mich so ein Veröffentlichungs-Freitag auf dem falschen Fuß. Gerade hatte ich noch soooo viel Zeit und dann lauert er plötzlich und gänzlich unerwartet hinter der nächsten Ecke. Fotos müssen her, und zwar schnell.

So war es in dieser Woche auch wieder einmal. Aber das ist selbstverständlich kein Grund zur Panik. Als vorausschauender Blogger habe ich, wie könnte es anders sein, natürlich jede Menge Fotos in Reserve. Also muss ich nur einmal kurz meine Festplatte durchsehen und schon… Das darf doch jetzt wohl nicht wahr sein! Wo ist denn meine ganze Reserve an Bildern geblieben? Tja, da habe ich während der Corona-Pandemie offenbar doch häufiger auf meine Altbestände zurückgegriffen, als ich gedacht hatte.

Wenn die Vögel nicht für mich posieren wollen, dann muss eben auch schon mal eine Schnecke genügen.

Also Plan B: Ein Tag in den Rieselfeldern, und ich würde mit einer bestens gefüllten Speicherkarte nach Hause kommen – so dachte ich zumindest. Nun, ich habe es oben ja bereits angedeutet, die Realität sah etwas anders aus: Die gefiederten Freunde gingen so sehr auf Abstand, dass auch mit meinem längsten Tele leider kaum etwas zu machen war. Darüber hinaus ließ sogar die ansonsten hier meist recht beeindruckende Artenvielfalt so einiges zu wünschen übrig. Habe ich schon einmal erwähnt, wie wenig kooperativ diese undankbaren Gesellen oftmals sind?

Zwergtaucher mit Beutefisch
Im Schutz der Ufervegetation wird der jetzt in Ruhe verspeist.

Das Leben eines Naturfotografen ist ja so ungerecht, seufz! Entweder zeigen sich die Objekte unserer Fototräume gar nicht, oder sie verfolgen ihre eigenen Ziele, ohne die gebotene Rücksicht auf uns hart arbeitende Fotoschaffende zu nehmen. Wie soll ein Mensch unter solch widrigen Umständen vernünftige Bilder zustande bringen?

Ich war übrigens nicht der Einzige, dem die Unberechenbarkeit des fliegenden Personals gestern den Ausflug in die Rieselfelder ein wenig verhagelte. Als ich bei einer an besseren Tagen sehr vielversprechenden Fotostelle verharrte, konnte ich hören, wie ein offenbar ziemlich genervter Besucher im Vorübergehen zu seinen Begleitern sagte: „Also, da fährsse extra nach hier inne Rieselfelder, und dann iss da überhaupt nix vonne Vögel zu sehen. Datt iss doch Beschiss, iss datt. Wennse mit sowatt Reklame machen, dann müssense auch dafür sorgen, datte watt zu sehen kriechst.“

Immerhin ein Lichtblick dieses ziemlich durchwachsenen Fototages: Ich bin nämlich selbst im Ruhrpott aufgewachsen, und mir geht heute noch immer das Herz auf, wenn ich den Klang meiner Jugend mal wieder so unverfälscht zu hören bekomme. Dafür nehme ich dann sogar in Kauf, dass offenbar wieder einmal jemand den Unterschied zwischen Schutzgebiet und Zoo nicht begriffen hat.

Höckerschwan beim Durchsieben der sogenannten Entengrütze
Das hat auch der Jungschwan schon gelernt.

Irgendwas geht immer

Ich weiß ja aus eigener Erfahrung, wie viele bei uns selten zu beobachtende Wat- und Wasservogelarten sich meistens in den Rieselfeldern aufhalten. Aber gestern war nun einmal kaum etwas von ihnen zu sehen. Was blieb mir da schon anderes übrig, als das Beste aus der Situation zu machen? Und so habe ich dann eben alles fotografiert, was mir sonst noch vor die Linse kam. Viel war es nicht.

Das Ergebnis möchte ich euch aber dennoch hier im im heutigen Blogartikel zeigen, auch wenn es nicht so ganz das ist, was auf meinem Plan stand. Ich muss zugeben, kurz mit dem Gedanken gespielt zu haben, einfach nicht zu verraten, auf welche Art von Fotos ich es ursprünglich abgesehen hatte. Aber dann dachte ich mir: Warum eigentlich? Genau so ist die Naturfotografie ja nun einmal. Da läuft nur selten alles nach Plan. Und auch wenn das manchmal ein wenig frustrierend sein kann, machen nicht zuletzt gerade diese Unwägbarkeiten auch einen Teil ihres Reizes aus.

Solch prächtige Heckrinder hat man für die Rieselfelder als Landschaftspfleger engagiert.
Erst kaum Vögel zu finden, und dann streckt mir er hier auch noch frech die Zunge raus. Welch ein Tag!

Immerhin bin ich ja am Ende nicht ganz ohne Fotos nach Hause gekommen. Auch das kann vielleicht die Lehre aus so einem Tag sein: Irgendwas geht immer. Was gestern trotz aller Widrigkeiten dann doch noch ging, das könnt ihr hier nun sehen.

Möge dieser schonungslose Einblick in die erschütternde Realität der Naturfotografie allen als abschreckendes Beispiel dienen!

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