Novembertristesse im Moor

Kommentare 0
Schmökern

Üblicherweise sind die Fotos hier im Glaslinsenspiel recht farbenfroh und in ihrer Grundstimmung fast immer heiter. Das entspricht nicht unbedingt dem aktuell angesagten Bildstil. Selbst junge Naturfotografen wie zum Beispiel die German Roamers neigen dazu, ihre Fotos zu entsättigen und auch darüber hinaus so zu bearbeiten, dass eine leicht düstere Anmutung erzielt wird. Keinesfalls will ich das hier kritisieren. Im Gegenteil, solche Bilder gefallen mir oft wirklich gut. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass Fotos ebenso viel über den Fotografen verraten wie über das Motiv. Und da ich nun einmal kein melancholischer Mensch bin, sind meine Bilder eben meistens auch alles andere als düster.

Eine Ausnahme gibt es jedoch: Wenn im November höchstens noch spärliche Reste des nun gar nicht mehr so bunten Herbstlaubs an den Bäumen hängen, die ohnehin kurzen Tage nicht selten vom Nebel verschluckt werden und die feuchte Kälte jeden Aufenthalt im Freien ungemütlich werden lässt, dann ist der Moment gekommen, in dem sich diese Tristesse wie von selbst auch über meine Fotos legt.

Also habe ich mir gedacht, ich könnte ja mal aus der Not eine Tugend machen und ganz bewusst diese typische Novemberstimmung einzufangen versuchen. Also habe ich mich entschlossen, meinem kürzlich erschienenen Blogbeitrag über das herbstlich bunte Emsdettener Venn nun einen Artikel folgen zu lassen, der in mancher Hinsicht das genaue Gegenteil darstellt: Wieder Fotos aus einem Moor, aber dieses Mal in den melancholisch gedeckten Farben des Spätherbsts. Es könnte ja vielleicht durchaus ganz spannend sein, diese unterschiedlichen Stimmungen in ansonsten sehr ähnlichen Landschaften herauszuarbeiten.

Hinweis zu möglichen Nebenwirkungen:
Die Bilder in diesem Blogbeitrag können schlechte Stimmung verursachen. Bei einer ausgebildeten Herbst- und Winterunverträglichkeit des Betrachters sind Symptome wie länger anhaltende Gemütsverstimmung oder heftige Grantelanfälle nicht auszuschließen. Als lindernd hat sich die sofortige Einnahme heißer Getränke, in schwereren Fällen idealerweise auf Alkoholbasis, erwiesen.

Ich hatte mir schon lange vorgenommen, wieder einmal mit meiner Kamera einen Tag im Oppenweher Moor zu verbringen. Jetzt wollte ich dieses Vorhaben endlich in die Tat umsetzen. Bisher war ich dort nur bei gutem Wetter und zu den vermeintlich fotogenen Jahreszeiten gewesen, hatte es dabei schätzen gelernt und in recht guter Erinnerung behalten. Wie aber würde sich das Fotografieren jetzt an einem trüben Novembertag anlassen? Welche Bilder könnten dabei wohl entstehen? Ob es mir überhaupt gelänge, die Tristesse eines Novembertags im Moor einzufangen?

Von vornherein war klar, dass ich auch meine übliche Form der Bildbearbeitung sehr deutlich würde ändern müssen. Normalerweise ziele ich zu Hause am Rechner ja darauf ab, jene Lebendigkeit und Heiterkeit noch ein wenig herauszuarbeiten, die ich in der Natur tatsächlich fast immer empfinde. Da schleichen sich natürlich mit der Zeit ein paar Automatismen ein, und es kommt ganz von selbst zu einem Arbeitsablauf, der zu jenen farbenfrohen und kontrastreichen Bildern führt, wie sie hier im Glaslinsenspiel meistens zu sehen sind.

Nun aber galt es, die melancholische Stimmung, auf die ich es mit diesen Fotos ja abgesehen hatte, in der Nachbearbeitung zu unterstreichen. Das war ungewohnt, und ich musste schon ein wenig herumprobieren, benötigte auch deutlich länger als sonst, bis ich mit den Ergebnissen einigermaßen zufrieden war. Aber es ist ja nie verkehrt, seine handwerklichen Fertigkeiten ein wenig zu erweitern.

Ich weiß natürlich nicht, wie ihr die Ergebnisse dieser Bemühungen beurteilt. In meinen Augen ist da – wie eigentlich immer – noch ein wenig Luft nach oben. Ob ich die Fotos deshalb hier im Glaslinsenspiel vielleicht lieber nicht zeigen sollte? Ach was! Vermutlich wird es dem einen oder der anderen unter euch ja auch so gehen, dass ihr manchmal mit den Tücken der Bildbearbeitung zu kämpfen habt. Insofern rechne ich jetzt einfach mal mit eurer wohlwollenden Nachsicht.

Wie auch immer: Was gibt’s denn Besseres, als einen Fototag in der Natur, in diesem Fall sogar in einem mehr als lohnenden Moor zu verbringen? Darüber hinaus spielte auch das Wetter wunderbar mit, denn es war genau so trüb, wie ich es mir für meine Novemberbilder gewünscht hatte. Nur der Nebel fehlte. Dafür sah es die ganze Zeit über so aus, als könne jeden Augenblick ein Regenschauer niedergehen, wozu es allerdings dann doch nicht kam. Wer weiß, vielleicht hätte der den Bildern sogar ganz gutgetan. Andererseits hatte es natürlich auch seine unbestreitbaren Vorteile, nicht im strömenden Regen fotografieren zu müssen.

Höre ich da etwa jemanden das böse Wort vom Schönwetterfotografen in den Mund nehmen? Ich bin empört. So eine Unterstellung muss sich ja wohl niemand anhören, der sich bis heute noch nicht ganz davon erholt hat, auf der Suche nach den besten Motiven fürs Glaslinsenspiel viele Stunden selbstlos und allen Widrigkeiten trotzend im feuchtkalten, windgepeitschten Moor herumgelatscht zu sein.

Was sagt ihr – ich solle mal nicht so übertreiben, immerhin sei ich ja nicht Teilnehmer einer Arktis-Expedition gewesen und ein bisschen Regen habe wohl auch noch niemandem ernsthaft geschadet?

Nun, vielleicht habt ihr ja recht. Aber immerhin war das Wetter unwirtlich genug, dass ich über mehrere Stunden tatsächlich keiner Menschenseele begegnet bin. Welch ein Naturerlebnis, in dieser kargen, aber deshalb nicht weniger attraktiven Landschaft ganz alleine unterwegs zu sein! Ringsumher nichts als Moor und Stille. Wie wunderbar, dass so eine Erfahrung auch in unserem dicht besiedelten Land noch möglich ist! Gäbe es nicht ohnehin so viele gute Argumente dafür, diese letzten verbliebenen Reste einer halbwegs intakten Natur zu schützen und zu bewahren, schon allein die Möglichkeit zu solchen Erlebnissen wäre in meinen Augen ein hinreichender Grund.

Ich kann nicht behaupten, die Vorliebe vieler Naturfotografen für die großartigen, die spektakulären Landschaften sei mir fremd. Schroffe Berggipfel, steile Felsküsten, tosende Wasserfälle, tiefe Schluchten – alles das und manches mehr sind ganz sicher fantastische Fotomotive, nach denen selbstverständlich auch ich mir die Finger lecke.

Ein Novembertag im Moor könnte sich davon kaum deutlicher unterscheiden: Kein Motiv schreit nach meiner Aufmerksamkeit. Nur selten durchbricht zaghaft ein kleiner Farbtupfer die zumindest vordergründig so eintönige Landschaft. Mein Blick reicht bis zum Horizont, und selbst das Gehen gerät beinahe zum reinen Selbstzweck, denn eine Ortsveränderung hat ja erst einmal so gut wie keinen erkennbaren Einfluss auf das immer gleiche Panorama, das sich vor mir auftut.

Andere Landschaften bieten sich dem Fotografen an, drängen sich ihm nicht selten regelrecht auf. Das Moor hingegen scheint sich mir entziehen zu wollen, zumindest an einem trüben Novembertag wie heute.

Aber gerade in dieser spröden Monotonie beginnen meine Augen nach Kleinigkeiten Ausschau zu halten. Und plötzlich fesselt und fasziniert sie mich, diese eben noch so langweilige Moorlandschaft. Nichts lenkt mich jetzt ab. Gehen, Sehen, Fühlen, das Moor und meine Fotografie – das alles wird auf einmal zu einem überaus stimmigen Ganzen. Ich kann es nicht besser erklären, zumindest nicht in Worten. Vielleicht blitzt ja in den Bildern hier und da ein winziges Stückchen davon auf.

Dann wären sie ja vielleicht doch ein bisschen gelungen, meine melancholischen Fotos aus dem herbstlich tristen und dennoch so überaus faszinierenden Oppenweher Moor.

Schreibe einen Kommentar