abstrahiertes Baumdetail

Abstrakte Naturfotografie?

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Es ist vielleicht kein Zufall, dass die Abstraktion relativ bald nach der Verfügbarkeit der Fotografie Einzug hielt in die Malerei. Vorher war es die wohl wichtigste Aufgabe der malenden Zunft, Figuren und Gegenstände möglichst genau und auf einen Blick erkennbar darzustellen. Nur bei Porträts dürfte es vermutlich auch damals schon klüger gewesen sein, es mit der Wahrhaftigkeit der Darstellung nicht zu übertreiben. Die Fotografie konnte nun aber die Aufgabe einer lebensechten Darstellungen schneller, günstiger und „korrekter“ realisieren, als es der Malerei je möglich war. So übernahm sie diese Aufgabe mehr und mehr, was wiederum den Malern die Freiheit gab, weniger den Inhalt und dafür mehr die Art der Darstellung in den Mittelpunkt ihrer Kunst zu rücken. Allmählich wurde die figurative Abbildung in der Malerei zum nicht geringen Teil verdrängt durch das kreative Spiel mit Linien, Formen, Strukturen und Farben. Das Abstrakte begann, eine immer wichtigere, vielleicht sogar die Hauptrolle in der bildenden Kunst zu spielen.

Erst relativ spät haben Fotografen begonnen, auch ihr Medium zumindest hier und da in den Dienst einer abstrakteren Sichtweise zu stellen. Ich weiß nicht, was sie dazu antrieb. Vielleicht waren sie ja einfach nur gelangweilt von der Wiederholung des ewig Gleichen. Meine Vermutung ist aber, dass kreative Menschen gar nicht anders können, als immer wieder einmal neue Dinge auf spielerische Weise auszuprobieren. Und siehe da, es gelang ihnen immer besser, auch Kameras faszinierende „abstrakte“ Aufnahmen zu entlocken – gar nicht so selbstverständlich bei einem Instrument, das geschaffen worden war zur präzisen Abbildung des Gegenständlichen.

Leider bin ich kein besonders kreativer oder künstlerisch begabter Fotograf. Mir macht es einfach nur enormen Spaß, mit den Möglichkeiten der Abstraktion zu spielen. Habe ich schon einmal erwähnt, dass der Wortteil „Spiel“ im Namen dieses Blogs kein Zufall ist? Meistens konzentriere ich mich erst einmal auf die konventionellen Aufnahmen. Wenn ich dann glaube, das eine oder andere einigermaßen gelungene Foto im Kasten zu haben, reizt es mich manchmal, noch ein wenig mit dem Motiv zu spielen. Zum Glück ist das ja in der digitalen Fotografie ohne zusätzliche Kosten möglich. Früher hätte ich es mir wohl nur sehr selten erlaubt, Geld für Filme, Entwicklung und Abzüge an so einen „Unsinn“ zu verschwenden.

abstrakte Naturfotos mittels Spiegelung

bewegtes Wasser spiegelt grünes Laubdach
Spiegelung von grünem Laub in einem langsam fließenden Bach

Meist fehlt mir allerdings noch der Blick für wirklich abstrakte Aufnahmen. Ich sehe Motive oder auch besondere Lichtstimmungen, aber selten jene Linien, Strukturen oder Farben, die als Basis für abstrakte Aufnahmen infrage kämen. Noch fällt es mir leichter, erst einmal nicht komplett auf konkrete, wiedererkennbare Elemente zu verzichten. Einen ganz guten Mittelweg zwischen gegenständlicher und abstrakter Naturfotografie habe ich in Wasserspiegelungen gefunden.

Gräser spiegeln sich im Wasser
sich im Wasser spiegelnde Gräser, Bild um 180° gedreht
Herbstlaub spiegelt sich im Wasser
Herbstlaub spiegelt sich in einem See bei leicht gekräuselter Wasseroberfläche

Meine Aufnahmen von Spiegelungen im Wasser ergeben selten gänzlich abstrakte Fotos. Die Bilder erinnern eher ein wenig an impressionistische Gemälde. Dieser Effekt entsteht besonders bei leicht bewegten Wasseroberflächen. Langzeitbelichtungen, die ja die Illusion einer spiegelglatten Oberfläche erzeugen, ergeben hier keinen Sinn. Somit kann ich problemlos auf ein Stativ verzichten, was mir eine noch spielerischere Herangehensweise erlaubt. Auf jeden Fall macht mir diese Form der experimentellen, weniger vorhersehbaren Fotografie eine Menge Spaß.

Sträucher spiegeln sich in bläulich reflektierendem Wasser
noch unbelaubte Sträucher spiegeln sich bei blauem Himmel im Wasser

Manchmal wandle ich die so entstandenen Bilder in Schwarzweiß um oder verpasse ihnen einen „falschen“ Weißabgleich. Hin und wieder drehe ich sie auch um 90 oder 180 Grad. Das hängt dann ganz davon ab, was mir am besten gefällt. Im Gegensatz zur gegenständlichen Fotografie erlaube ich mir also in der Nachbearbeitung mehr Freiheiten. Warum auch nicht? Es geht ja hier von vornherein und ganz offensichtlich nicht darum, die Natur möglichst unverfälscht zu dokumentieren. Sie ist bei dieser Art der abstrakteren Fotografie vielmehr nur eine – wenn auch die wichtigste – Zutat für das mal mehr, mal weniger gelungene kreative Spiel des Fotografen.

Spiegelung winterlicher Bäume im Wasser
Eine Umsetzung in Schwarzweiß gefiel mir hier besser.

abstrakte Naturfotos durch Beschränkung auf Details

Rad eines Pfaus von hinten in Schwarzweiß
rückwärtiges Detail eines radschlagenden Pfaus, bewusster Verzicht auf Farben

Ein anderer Weg, das Gegenständliche aus meinen Fotos ein wenig auszublenden, ist die – manchmal extreme – Konzentration auf Details. Wenn ich nur weit genug in meine Motive „hineinkrieche“, dann beginnt die konkrete Gestalt zugunsten einzelner Linien, Flächen und Farben zu verschwinden.

In dem oberen Bild hätte die Abstraktion durch einen noch engeren Beschnitt sicherlich gesteigert werden können. Mir gefiel das Bild aber so, obwohl man den eigentlichen Bildinhalt, also den Pfau, noch gut erkennen kann.

Im unteren Bild hingegen dürfte es wohl nur noch einem Ornithologen gelingen, vom abgebildeten Ausschnitt des Gefieders auf den Vogel zu schließen. Die Farben wurden übrigens, genau wie in den Fotos der Gesteinsformation und der Blüte, nicht verändert. Ich halte das in der abstrakten Naturfotografie zwar für absolut zulässig, aber im Fall dieser Bilder schien mir nach allerlei Ausprobieren die Wirklichkeit einfach die bessere Wahl zu sein.

Gefieder einer Mähnentaube
Ausschnitt des Gefieders einer Mähnentaube, Bild um 180° gedreht
blaue vulkanische Formation auf La Palma
Gesteinsformation vulkanischen Ursprungs
Detail einer Dahlie
Detailansicht einer Dahlienblüte, Bild um 90° gedreht

abstrakte Naturfotos durch absichtliche Kamerabewegung

Sehr spannend finde ich auch die Möglichkeit, mit Hilfe absichtlicher Bewegungen der Kamera Bildstimmungen zu erzeugen, die ansonsten kaum möglich wären. Allerdings ist es dabei noch wesentlich schwieriger, sich die Ergebnisse im Voraus auszumalen. Mir jedenfalls fällt das ganz und gar nicht leicht. Aber vermutlich macht ja Übung auch hier den Meister.

Wald fotografiert mit absichtlicher Kamerabewegung
mit (nicht ganz exakter) vertikaler Kamerabewegung fotografiertes Waldstück

Ich weiß, dass ich bei der abstrakt(er)en Naturfotografie noch ganz am Anfang stehe. Gerade wegen der kaum vorhersehbaren Bildergebnisse wiegt Erfahrung hier besonders schwer. Und die sammelt man eben erst mit der Zeit. Dafür gibt es kaum einen anderen Bereich der Fotografie, in dem es mir so viel Freude macht zu experimentieren. Für mich gehört das einfach dazu, und das „Spielen“ ist inzwischen ein wichtiger Teil meiner Fotografie geworden. Es bleibt ja noch so viel auszuprobieren: Mehrfachbelichtungen, Mitzieher, Zoomen während der Aufnahme, das Spiel mit Schärfe und Unschärfe, Effekte längerer Belichtungszeiten… Langweilig dürfte mir jedenfalls sobald nicht werden.

Mir macht dieses kreative Spielen mit einem Motiv so viel Freude, dass ich es als einen Schritt in meinen üblichen Arbeitsablauf beim Fotografieren aufgenommen habe. Falls dich auch die anderen Schritte interessieren, die zumindest mir geholfen haben, häufiger mit einer etwas besseren Fotoausbeute nach Hause zu kommen, dann schau dir doch einmal diesen Blogbeitrag an.

Wie hältst du es mit der abstrakt(er)en Naturfotografie? Ist das für dich eher eine Spinnerei, auf die du sehr gut verzichten kannst? Oder siehst du darin vielleicht eine willkommene Erweiterung der Möglichkeiten eines Naturfotografen? Ich würde mich sehr freuen, in den Kommentaren deine Meinung zu erfahren.

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